Das Spiel um den 3. Platz der Weltmeisterschaft 1974

Datum Heim Gast Ergebnis
Sa 06.07. 16:00 Polen - Brasilien 1:0 (0:0) Info
Olympiastadion (München)
79.000 Zuschauer
Schiri: Angonese (Italien)
Lato (76.) 1:0

Das Finale der Weltmeisterschaft 1974

Der erhoffte Erfolg nach dramatischen Spielen

Entschied das Endspiel in typischer Manier: Gerd MüllerEntschied das Endspiel in typischer Manier: Gerd Müller

Erstmals fand die Weltmeisterschaft in Deutschland statt. Nach den Olympischen Spielen 1972 in München war es die zweite große Sportveranstaltung innerhalb kurzer Zeit. Erstmals gab es keinen Widerspruch und auch keine Bedenken bezüglich Klima und Organisation im Allgemeinen. Eher sah man schon im aufkeimenden Terrorismus eine gewisse Gefahr, und obwohl, im Gegensatz zu München, keine Israelies qualifiziert waren, wurden die Sicherheitsmaßnahmen wie nie zuvor betrieben. Kritiker sprachen von einer nahezu "vollsterilisierten WM … deren Mannschaften hinter Stacheldraht etc. und verrammelten Hoteltüren lebten." Erstmals wurde das Turnier in zwei Finalrunden ausgetragen. Wobei die erste Finalrunde der früheren Vorrunde glich, während die beiden Gruppensieger in zwei Gruppen der zweiten Finalrunde aufstiegen. Deren Sieger standen im Finale, die Gruppenzweiten kämpften um den dritten Platz.

Die Qualifikation
Überraschend war England in der Qualifikation an Polen gescheitert. Doch die Endrunde sollte zeigen, dass die Briten gegen ein ganz besonderes Team ausgeschieden waren. Zum wiederholten Male setzte sich auch Bulgarien durch, diesmal gegen Portugal, das feststellen musste, dass die große Zeit von Eusebio endgültig vorbei war. Weiterhin schieden etwas unerwartet Spanien gegen Jugoslawien, Peru gegen Chile und Mexiko gegen Haiti aus. Erstmals schafften die DDR, Australien und Zaire, als schwarzafrikanisches Team, die Qualifikation.

Erste Finalrunde
Das Eröffnungsspiel der Deutschen gegen Chile in Gruppe I erfüllte wahrlich nicht die hochgesteckten Erwartungen. Dass der Fernschuss von Paul Breitner (17.) das einzige Tor bleiben würde, hatten die Zuschauer im Berliner Olympiastadion nicht erwartet. Chile stand kompakt in der Abwehr und die Deutschen fanden keine weiteren Mittel, dieses Bollwerk zu knacken. Ein enttäuschender Start, doch immerhin ein Sieg, war der allgemeine Tenor.
Als zweiten Gegner hatten die Deutschen die Australier vorgesetzt bekommen. Zuvor war eigentlich nur über die Höhe des Sieges diskutiert worden, wenn auch die Aussies gegen die DDR beim 0:2 nicht enttäuschten. Die Tore der Kölner Overath und Cullmann in der ersten Hälfte brachten Sicherheit, aber wahrlich kein Feuerwerk der deutschen Spielkunst. Zu harmlos war der Gegner. Müller gelang nur noch das 3:0. Chile und die DDR hatten sich derweil 1:1 getrennt und die Entscheidung um den Gruppensieg sollte zwischen den beiden deutschen Mannschaften fallen. In dem äußerst durchwachsenen Spiel im Hamburger Volksparkstadion neutralisierten sich beide Teams auf wenig hohem Niveau. Als alle mit einem trägen torlosen Remis gerechnet hatten, konterte Jürgen Sparwasser die Bundesdeutschen aus und schoss unhaltbar zum 1:0 für die Ostdeutschen ein. Die Sensation war perfekt, aber beide deutschen Teams für die Finalrunde qualifiziert, da Chile gegen Australien über ein 0:0 nicht hinauskam.

Wenig erbaulich waren auch die Vorstellungen der Mannschaften in Gruppe II ­ trotz des Weltmeisters Brasilien. Gegen Jugoslawien und Schottland erarbeiteten sich die enttäuschenden Brasilianer zwei torlose Remis und gegen Zaire einen wenig spektakulären 3:0-Erfolg. Da es auch zwischen Jugoslawien und Schottland beim 1:1 keinen Sieger gab, entschied das Torverhältnis um den Einzug in die Finalrunde. Hierbei schlug der 9:0-Kantersieg der Jugoslawen gegen Zaire durch, während die Schotten gegen die Schwarzafrikaner nur 2:0 siegten und heimfahren mussten.

Nach der Vorrunde waren sich alle Beobachter einig. Das beste Team in diesem Endrundenabschnitt waren (neben den Polen) die Niederländer um die beiden Johanns, Cruyff und Neeskens. Gegen die abwehrstarken Schweden reichte es im zweiten Spiel der Gruppe III zwar nur zu einem 0:0, doch Uruguay (2:0) und Bulgarien (4:1) wurden souverän besiegt. Die Schweden glänzten vor allem beim 3:0-Erfolg gegen die Urus, die, immer noch angriffsschwach, nun auch noch in der Abwehr eklatante Schwächen offenbarten. Bulgarien schaffte immerhin gegen Schweden (0:0) und Uruguay (1:1) zwei Punkte. Zum Weiterkommen war das jedoch zuwenig.

Auch Vize-Weltmeister Italien enttäuschte. Zwar konnte im ersten Spiel der Gruppe IV Haiti nach sensationellem 0:1-Rückstand noch mit 3:1 bezwungen werden, doch das folgende 1:1 gegen Argentinien und die 1:2-Niederlage gegen das stärkste Team dieser Gruppe, Polen, kippten Italien aus dem Turnier. In der Endabrechnung fehlten den enttäuschenden Italienern zwei Tore zum Weiterkommen. Polen, mit dem überragenden Spielmacher Deyna, dem Abwehrhünen Gorgon und den quirligen Torjägern Lato und Szarmach gewann alle drei Spiele der Vorrunde und galt danach als heimlicher Titelfavorit.

Zweite Finalrunde
Das Niveau der Spiele in den Finalrunden zog nun doch glücklicherweise an, ohne an die Highlights der 70er WM heranzureichen. Ihr Meisterstück lieferten die Niederlande zum Start der Gruppe A beim 4:0 gegen Argentinien ab, die geradezu deklassiert wurden. Ein fantastischer Cruyff stach nicht nur wegen seiner zwei Treffer besonders hervor. Die Brasilianer schafften nur einen mühevollen 1:0-Sieg gegen die DDR, legten aber gegen Argentinien mit 2:1 nach und blieben auch auf Endspielkurs. Bevor die beiden ungeschlagenen Teams Niederlande und Brasilien in Dortmund aufeinandertrafen, hatten Cruyff & Co. die DDR souverän 2:0 besiegt. Im Westfalenstadion wurden die Unterschiede zwischen dem Favoriten Niederlande und dem Ex-Weltmeister deutlich. Technisch waren die Niederländer mittlerweile ebenbürtig. Dazu kamen der offensive Tempofußball, den nicht nur Cruyff, Rep, Neeskens, van Hanegem und Rensenbrink zelebrierten, sondern der vom gesamten Team aufgerufen werden konnte. Schwächen gab es einzig in der Rückwärtsbewegung einiger Spieler, was sich im Endspiel auch auswirken sollte. Die Brasilianer hatten zwar noch Rivelino und Jairzinho dabei, auch Dirceu und Abwehrchef Luis Perreira enttäuschten nicht, doch viele Spieler kamen nicht übers Mittelmaß hinaus. Holland siegte durch die Treffer von Neeskens und Cruyff verdient mit 2:0 und ging als Favorit ins Endspiel.

Nach dem 0:1 gegen die DDR hatte Franz Beckenbauer am Abend danach mächtig auf den Tisch gehauen und Bundestrainer Schön ein neues Konzept aufgezwungen. Kernpunkte waren das Festhalten an Wolfgang Overath statt Günter Netzer im Mittelfeld. Die Hereinnahme des jungen, aber robusten Rainer Bonhof als Manndecker des gegnerischen Spielmachers und die Bevorzugung von Bernd Hölzenbein gegenüber Heinz Flohe auf der linken Außenbahn. Also eine defensivere Taktik insgesamt und der Erfolg gab ‚Kaiser Franz’ recht. Mit einer starken Leistung wurde Jugoslawien 2:0 im ersten Spiel der Gruppe B bezwungen, wobei Breitners Weitschuss und ein typisches Müller-Tor durchschlugen. Gegen Schweden spielten die Deutschen zwar überlegen, verbissen sich anfangs aber an der Abwehr um Rekordnationalspieler Nordquist. Auch das lange anhaltende 0:1 strapazierte die Nerven der allerdings nicht nachlassenden Deutschen. Ein Doppelschlag von Overath und Bonhof (50. und 51.) brachte die Führung, doch der Lauterer Konterstürmer Sandberg glich noch einmal aus. Zuletzt waren es Grabowski und Hoeness (Elfmeter), die in der Schlussphase das 4:2 herausschossen. Es war vor allem ein Sieg der Moral und eine weitere Steigerung gegenüber dem Jugoslawien-Spiel. Auch Polen hatte sich gegen Schweden (1:0) und Jugoslawien (2:1) durchgesetzt. In Frankfurt kam es zur berühmten ‚Wasserschlacht’. Ein vom Platzregen nahezu überfluteter Platz ließ eigentlich kein normales Fußballspiel zu. Lange Zeit stand das Spiel auch auf der Kippe. Torchancen gab es kaum. Die Spieler waren hauptsächlich dabei, den Ball zu kontrollieren und möglichst schnell weiterzuleiten, bevor ein Gegenspieler dazwischenrutschen konnte. Eine Viertelstunde vor Schluss bekam Gerd Müller über die linke Seite den Ball an der Strafraumgrenze zugespielt, ein Haken und ein Schuss aus der Drehung: 1:0 für Deutschland. Unter diesen Bedingungen war es nunmehr nahezu unmöglich für die Polen einen Rückstand aufzuholen. Deutschland stand nach 1966 wieder im Endspiel.

Das Finale
Im Spiel um den dritten Platz konnten die Polen die nicht mehr sonderlich ambitionierten Brasilianer durch ein Tor des Turnier-Torschützenkönigs Lato mit 1:0 auf Platz Vier verweisen. Damit blieb Polen das Überraschungsteam dieser WM.

Das Endspiel in München begann mit einem Paukenschlag. Cruyff versuchte, an seinem Gegenspieler Berti Vogts vorbei, in den Strafraum einzudringen. Er schüttelte ihn auch ab, wurde jedoch im Strafraum von Hoeneß zu Fall gebracht. Es war gerade eine gute Minute gespielt und Neeskens hatte schon einen Foulelfmeter gegen Deutschland in die Maschen gewuchtet. Erst langsam konnten sich die Deutschen gegen die technisch besseren und zumeist auch schnelleren Niederländer im Angriff durchsetzen. So setzte der quirlige Hölzenbein dreist zu einem Solo in die Abwehrzentrale der Holländer an und wurde prompt von Jansen attackiert. Der englische Schiedsrichter Taylor zeigte auch hier auf den Elfmeterpunkt. Paul Breitner verwandelte eiskalt, flach neben dem Pfosten (25.). Die beste Phase der Deutschen begann, ohne dass die Holländer an Gefährlichkeit einbüßten. In der 43. Minute setzte sich Youngster Rainer Bonhof über Rechtsaußen durch und gab flach in die Mitte, wo Gerd Müller am Fünfmetereck nicht lange fackelte und aus der Drehung in typischer Manier einschoss. Nach dem Wechsel spielten nur noch die Niederländer. Der sich schon zuvor von Spiel zu Spiel steigernde Torhüter Sepp Maier stand im zweiten Durchgang unter Dauerbeschuss und hielt mit einer Weltklasseleistung und nicht wenig Glück sein Gehäuse sauber. Selbst zu Torchancen kamen die Deutschen nicht mehr, aber an kämpferischen Tugenden konnte ihnen in diesem Turnier kein Team das Wasser reichen. Auch die Niederländer mussten, trotz spielerischer Überlegenheit im Finale (dabei aber auch mit einigen schwächer besetzten Positionen), diesen Fakt anerkennen.

Spielerisch kaum Fortschritte
Spielerisch war die WM in Deutschland ein Rückschritt gegenüber 1970. Doch die Spieler waren auch athletischer und flexibler auf ihren Positionen geworden. Eine gewisse spielerische Nüchternheit auf hohem Niveau setzte sich durch, die allerdings keine spektakulären Spieledramaturgien zuließ. Der Weltmeister hieß Deutschland, aber die besseren Teams waren die Niederlande und Polen, doch denen fehlte die letzte Effektivität und vielleicht auch der absolute Siegeswille, der sich bei den Deutschen im Verlauf des Turniers zu einer gewissen Unüberwindlichkeit weiterentwickelte.

Das Finale der Weltmeisterschaft 1974

Datum Heim Gast Ergebnis
So 07.07.   Deutschland - Niederlande 2:1 (2:1) Info
Olympiastadion (München)
77.800 Zuschauer
Schiri: Jack Taylor (England)
0:1
Breitner (25.) 1:1
Müller (43.) 2:1
Neeskens (1.)