Wie vor 30 Jahren die DDR-Oberliga starb

von Marcel Breuer10:03 Uhr | 11.08.2020
Der frühere DDR-Fußballnationalspieler Matthias Sammer (l) im Lauftraining mit Frank Seifert beim VfB Stuttgart. Foto: Harry Melchert/dpa
Es war der Anstoß zur eigenen Abschaffung. Am 11. August 1990 startete die DDR-Oberliga in ihre 42. und letzte Saison - für den gesamten ostdeutschen Fußball war ab sofort nichts mehr wie zuvor.

«Als der Einheitstermin feststand, war alles kaputt. Es gab keine Förderung durch den Deutschen Turn- und Sportbund der DDR mehr, die Trägerbetriebe waren weggebrochen», erinnerte Hans-Georg Moldenhauer an die besondere Spielzeit vor 30 Jahren.



Als letzter Präsident des DDR-Fußballverbandes DFV handelte Moldenhauer die 2+6-Quote für die 1. und 2. Bundesliga mit aus: «Nur zwei unserer Vereine waren damals dagegen.» Drei Jahrzehnte später wäre der Fußball-Osten froh über zwei erstklassige und sechs zweitklassige Clubs. «Der Frust sitzt tief. Es ist beängstigend, was sich in unserer Oberliga abspielt», erklärte Bernd Stange, ehemaliger DDR-Auswahltrainer und zu der Zeit Coach in Jena, schon damals.



Es wurde eine denkwürdige Abschiedssaison. Die Stars wie Andreas Thom, Matthias Sammer, Ulf Kirsten und viele mehr hatten bereits in den ersten Monaten nach dem Fall des Eisernen Vorhangs den Sprung in die Bundesliga vollzogen. Für die Clubs von Dynamo Dresden über den FC Carl Zeiss Jena bis zum Ex-Europacupsieger 1. FC Magdeburg wurde es ein Existenzkampf: Entweder rein in die lukrative Profisparte des gesamtdeutschen Fußballs oder runter in die Amateur-Niederungen.


Die Fans konnten endlich live den FC Bayern, Werder Bremen oder den Hamburger SV sehen - und kehrten ihren Clubs den Rücken. Im Schnitt kamen nur noch 4807 Zuschauer in der Ausscheidungssaison in die Stadien, mit Abstand Negativrekord in der DDR-Oberliga. Trainer Stange fühlte sich teilweise «wie auf einer Beerdigung».

Der Spitzen-Fußball im Sozialismus funktionierte anders als der im Westen: Die Staatsführung regierte bis hinein in die Vereine; Staatssicherheit, Polizei und Armee hielten sich ihre eigenen Clubs; die Bezirkschefs der Sozialistischen Einheitspartei bestimmten mit; große Kombinate unterstützten die Betriebssportgemeinschaften.

Ganze Vereine wurden zwangsversetzt, die Spieler wurden delegiert, konnten sich den Club nicht aussuchen. Ex-DDR-Nationaltorhüter René Müller aus Leipzig sprach später von «einer modernen Form der Leibeigenschaft». All das war quasi über Nacht Geschichte, einige Vereine schütteten plötzlich Jahresgehälter von bis zu 250.000 Mark an ihre Spieler aus, um im Bundesliga-Roulette zu gewinnen. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) stellte einen Solifond von über 2,2 Millionen D-Mark zur Verfügung für in Not geratene Clubs. «Der ist ausgenutzt worden», erzählte Moldenhauer 30 Jahre später.

Der einstige DFB-Star Günter Netzer stieg mit der Schweizer Agentur Lüthi in die Vermarktung der Oberliga ein - und wäre fast noch der letzte Generalsekretär des DDR-Fußballverbandes geworden. «Der hat mich mit großen Augen angeguckt, als ich ihn gefragt habe», erzählte Moldenhauer. Das Gehalt sollte Lüthi weiter zahlen, sozusagen als Ost-Hilfe. «Das Thema wurde später nie wieder berührt.»

Innerhalb der Oberliga gab es die ersten Millionen-Transfers. Dynamo Dresden holte mit dem Geld aus dem Verkauf von Matthias Sammer zum VfB Stuttgart und weiteren Spielern Heiko Scholz vom 1. FC Lok Leipzig. Außerdem verpflichteten die Sachsen mit Peter Lux und Sergio Allievi bundesliga-erprobte Spieler aus dem Westen. Der jetzige Fortuna-Düsseldorf-Coach Uwe Rösler kam während der Saison für 1,2 Millionen Mark vom 1. FC Magdeburg - mit Erfolg.

Neben Vizemeister Dynamo gehörte am Ende der letzte, überraschende Nordost-Meister (die DDR gab es da schon nicht mehr) Hansa Rostock zu den Bundesliga-Aufrückern. Der Dritte bis Sechste des 14er-Feldes rückte in der 2. Bundesliga. Der Siebte bis Zwölfte musste sich mit den beiden Staffelsiegern der 2. DDR-Liga um die zwei restlichen Zweitliga-Plätze streiten: Den Sprung schafften Rot-Weiß Erfurt, der HFC Chemie, der Chemnitzer FC, Carl-Zeiss Jena, Lok Leipzig und Stahl Brandenburg mit dem späteren Europameister Steffen Freund.

Keiner von diesen Clubs ist 30 Jahre danach in den beiden Bundesligen noch dabei. «Der Abstand war schon gewaltig», erinnerte sich Matthias Sammer an die Fußball-Wende. Der Dresdner hatte im September 1990 mit zwei Toren für den 2:0-Sieg im letzten DDR-Länderspiel in Belgien gesorgt und durfte drei Monate später als erster Spieler aus den neuen Bundesländern das Adler-Trikot des DFB überstreifen. 1996 wurde Sammer wie Freund mit Deutschland Europameister.

Zum Mann der Saison wurde 1990/91 ein gebürtiger Essener. Uwe Reinders wurde vom damaligen Hansa-Präsidenten Robert Pischke nach Rostock gelockt. «Als ich damals auf den Trainingsplatz kam, standen die Spieler alle nebeneinander in Reih und Glied an der Seitenlinie», berichtete Reinders später im Fußball-Magazin «11 Freunde». Der Ex-Nationalspieler fragte irritiert bei Co-Trainer Jürgen Decker nach. «Der meinte, sie warten auf mich, ich müsste sie mit einem 'Sport Frei' begrüßen.» Das sei üblich hier. «Ich hab die Jungs gefragt, ob sie vielleicht noch auf einen General warten würden.»

Reinders schaffte es, bei der Mannschaft ohne große Stars die Disziplin mit Erfolgshunger und Lockerheit zu verbinden. «Samstag halb vier müsst ihr Gas geben ohne Ende, dann könnte ihr euch bald einen Mercedes kaufen», verkündete der Trainer einmal vor dem Spiel. Während beispielsweise der zehnmalige DDR-Meister BFC Dynamo 1990/91 ohne sechs in die Bundesliga abgewanderte Topspieler als FC Berlin ins Amateurlager abstürzte, war Hansa plötzlich in der Bundesliga.

Die politische Wende brachte auch große Sicherheitsprobleme und die Aufarbeitung von DDR-Überwachungspraktiken, in die der Fußball mit verstrickt war. Wegen Fan-Krawallen musste die Partie FC Sachen gegen Jena ebenso wie das Europapokal-Spiel Dresden gegen Roter Stern Belgrad abgebrochen werden. Am 3. November 1990 wurde bei einer Fan-Auseinandersetzung in Leipzig ein Berliner Anhänger von einer Polizeikugel getötet. Das schon vereinbarte Vereinigungsspiel DFV gegen DFB wurde daraufhin abgesagt. Der Dresdner Torsten Gütschow, Torschützenkönig der letzten Saison, wurde später wie andere prominente Spieler und Trainer als inoffizieller Mitarbeiter (IM) der DDR-Staatssicherheit enttarnt.

Das sportliche Erbe der Ostclubs in den höchsten Ligen ist bescheiden. Nur die damalige DDR-Zweitligisten 1. FC Union Berlin (in der Bundesliga) und Wismut Aue (als FC Erzgebirge Aue in der 2. Liga) spielen in der kommenden Saison noch oben mit. RB Leipzig aus der DFB-Gründerstadt ist erst 2009 entstanden.

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(dpa)

Da war ja eine Videobeweis-Orgie.

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