Die bittere Ein-Jahres-Bilanz des Stefan Kuntz

von Carsten Germann08:30 Uhr | 27.09.2022

Die gute Nachricht zuerst: Die Türkei steigt in die B-Gruppe der UEFA Nations League auf. Weniger gut: Nach gerade mal einem Jahr im Amt steht der deutsche Nationaltrainer der Türkei, Stefan Kuntz (59), mehr denn je in der Kritik. Die Zahlen sprechen nur bedingt für den Europameister von 1996.

„Es ist peinlich, gegen eine Mannschaft zu verlieren, die auf Platz 125 der FIFA-Rangliste steht“, bilanzierte die türkische Sportzeitung Fanatik am Montag. „Tschüss, Kuntz!“, titelte die Zeitung Sözcü, „er hat jeden Kredit verspielt.“

In den nächsten Tagen, so das Blatt weiter, würde der türkische Fußballverband (TFF) eine Entscheidung treffen. Die könnte, schon allein aufgrund der letzten Ergebnisse gegen die nicht eben als Fußball-Weltmächte durchgehenden Färöer Inseln (1:2) und Luxemburg (3:3), gegen den Deutschen ausgehen.

„Nicht von unserem Kaliber“

Die Ansprüche an das Team mit dem Halbmond im Wappen sind sehr hoch. Die Nationalmannschaft müsse, egal unter welchen Bedingungen, „natürlich gewinnen, schreibt die Milliyet: „Sie werden sagen, wir sind in der Nations League in die Liga B aufgestiegen, was will man mehr, doch von den Teams der Gruppe C ist sowieso keines dabei gewesen, das von unserem Kaliber ist.“

372 Tage

Wir blicken zurück: Am 19. September 2021 wurde Kuntz erst als türkischer Nationaltrainer inthronisiert. Das sind gerade 372 Tage.

  • Von den 12 Länderspielen, in denen er den WM-Dritten von 2002 betreute, konnte Kuntz 7 gewinnen, davon 4 in der dritten Liga der UEFA Nations League und gegen Länder, gegen die man, und das bemängelte die Milliyet wohl zu Recht, nur wenige Lorbeeren ernten kann: Litauen, die Färöer und Luxemburg.
  • Das große Ziel, die erste WM-Teilnahme seit Japan und Korea 2002, verpasste die Türkei im Playoff-Halbfinale gegen Portugal im März 2022 (1:3) doch klar.
  • Kuntz holte mit der Türkei im Schnitt 1,92 Punkte.
  • Gemessen an den Trainern, die länger als 10 Spiele am Bosporus in der Verantwortung waren, kommt nur „Der Imperator“, Fatih Terim (69) in seiner 3. Amtszeit (2013 bis 2017) auf einen höheren Schnitt als Kuntz: 2,05 Zähler pro Partie.
  • Besser als seine beiden Vorgänger, Senol Günes, WM-Trainer der Türkei 2002 in Asien (1,72 Punkte im Durchschnitt aus 32 Spielen), und als der komplett glücklose Rumäne Mircea Lucescu (Schnitt von 1,06 Zählern in 17 Spielen) machte es der Ex-Lautern-Profi allemal.

Stefan Kuntz – Nach dem U21-Europameistertitel mit Deutschland im Sommer 2021 auch als Nachfolger von Joachim Löw gehandelt, hat in der Türkei kaum noch Argumente. Viel eher sieht es danach aus, dass man beim TFF mal wieder zum Allheilmittel Trainerwechsel greift.

 



Das Einzige, was sich hier bewegt hat, war der Wind.

— Franz Beckenbauer über die Leistung der deutschen Nationalmannschaft gegen Kamerun