Weltmeisterschaft

Eine schwere Geburt

Ein Schlüsselspieler im Team des ersten Weltmeisters: Mittelfeldmann Jose Andrade
Die erste Fußball-Weltmeisterschaft war eine schwere Geburt. Seit 1904 (FIFA-Gründung in Paris) liefen bereits mehr oder weniger ernst genommene Ideen und Planungen für ein ‚Welt-Turnier’. Doch gerade das Mutterland des Fußballs, England, torpedierte in überheblicher Art alle Versuche, ein solches Turnier – ausgedacht von den ‚kontinentalen Wichtigtuern’ – zu installieren. Ein erster konkreter Versuch sollte 1916 realisiert werden. Die FIFA beschloss, das olympische Turnier 1916 in Berlin zugleich als Weltmeisterschaft auszuschreiben. Der 1. Weltkrieg kam jedoch dazwischen und zerstörte diesen schon recht weit gediehenen Ansatz eines WM-Turniers. Erst als der Franzose Jules Rimet 1920 zum FIFA-Präsidenten gewählt wurde, nahm die Idee einer Fußball-Weltmeisterschaft, die nicht nur reinen Amateuren offenstehen sollte, Konturen an.

Doch es dauerte noch zehn Jahre, bis die erste Fußball-Weltmeisterschaft angepfiffen wurde. Bis ein Veranstalter der Spiele gefunden war, mussten die interessierten Spieler und Funktionäre bis Pfingsten 1929 warten. Da auf dem europäischen Kontinent kein Ausrichter zu finden war, sprang die ‚Südamerikanische Schweiz’ Uruguay ein. Das Land hatte die Olympischen Fußballturniere 1924 und 1928 gewonnen. Doch ein Großteil der Europäer wollte nun nicht mehr. Die weite Anreise per Schiff und die Kosten für die Teilnehmer erschien vielen Verbänden nicht angemessen. Zudem befand sich Europa mitten in der Wirtschaftskrise und viele Vereine wollten nicht über einen längeren Zeitraum auf ihre Spieler verzichten. Dank einer regen Anwerbe-Reisetätigkeit von Jules Rimet durch alle in Frage kommenden Länder Europas entschieden sich doch vier Verbände für eine Teilnahme. Jugoslawien und Rumänien hatten schon früher zugesagt. Nun kamen auch noch Belgien und Frankreich hinzu und machten sich für die zweiwöchige Schiffsreise nach Uruguay bereit. Rumänien, Belgien und Frankreich traten die Überfahrt sodann gemeinsam an und fuhren mit dem Dampfer ‚Conte Verde’ vom französischen Hafen Villafrance aus über Rio de Janeiro (wo die Brasilianer zustiegen) nach Montevideo. Die Urus, ein begeistertes Fußballvolk, empfingen die Mannschaften mit großem Enthusiasmus. Zwar war das damals größte Stadion der Welt, das ‚Centenario’ bzw. ‚Stadion des Jahrhunderts’ noch nicht ganz fertiggestellt, was die Veranstalter jedoch nicht davon abhielt, ca. 100.000 Besucher (statt der offiziell angegebenen 80.000) zum Eröffnungsspiel (USA-Belgien) ins Stadion zu lassen. Weitere 40.000 Menschen mussten draußen bleiben.



Qualifikation

Die erste Fußballweltmeisterschaft war noch ein Einladungsturnier. Von den 13 teilnehmenden Mannschaften kamen sieben aus Südamerika (Uruguay, Argentinien, Brasilien, Peru, Bolivien, Paraguay und Chile), vier aus Europa (Frankreich, Belgien, Jugoslawien und Rumänien), sowie zwei aus Nord- und Mittelamerika (USA und Mexiko). Vier Gruppen wurden von diesen Teams gebildet, die, innerhalb ihrer Staffel gegeneinander antretend, einen Gruppensieger ermittelten.



Vorrunde

In der Gruppe I setzte sich erwartungsgemäß der Favorit Argentinien durch. Zuerst gewann Frankreich überzeugend gegen Mexiko mit 4:1. Gerade einmal 1.000 Zuschauer wollten diese Begegnung sehen. Doch schon zur zweiten Partie der Gruppe, in dem die Favoriten Argentinien und Frankreich aufeinandertrafen, waren 25.000 Besucher im Stadion. Das 1:0-Siegtor für Argentinien besorgte Mittelläufer Monti per direktem Freistoß. Das vierte Team dieser Gruppe, Chile, kam erst im dritten Spiel zum Einsatz. Mexiko wurde vor 500 Besuchern mit 3:0 abgefertigt. Auch die Franzosen konnten sich nicht gegen die Chilenen behaupten. Den 1:0-Endstand für die Südamerikaner besorgte der Halbrechte Subiabre in der 64. Minute. Gegen Mexiko schoss sich Argentinien beim 6:3-Sieg vor dem entscheidenden Match gegen Chile ein. Der spätere Torschützenkönig des Turniers, Guillermo Stabile, hatte schon gegen Mexiko dreimal getroffen. Gegen Chile besorgte er zwei Treffer des 3:1-Erfolges, der den Gruppensieg bedeutete. Noch zwei Kuriositäten: Argentiniens Chierro erlitt nach dem Spiel gegen Frankreich vor Freude einen Nervenschock und konnte in dem Turnier danach nicht mehr eingesetzt werden. Schiri John Langenus aus Belgien pfiff zudem die Begegnung sechs Minuten zu früh ab. Nach heftigen Protesten ließ er die verlorene Zeit nachspielen. Einige Spieler waren bereits unter der Dusche, mussten aber nochmals auflaufen.



In der Gruppe II setzte sich etwas überraschend Jugoslawien durch, das bereits im ersten Spiel gegen Brasilien die wichtigsten Punkte einfuhr. Rechtsaußen Tirnanic (21. Minute) und Mittelstürmer Beck (31.) sorgten schon vor dem Seitenwechsel für ein beruhigendes 2:0. Das Gegentor von Brasiliens Halblinks Preguinho (62.) war zuwenig, um die Männer vom Balkan noch zu gefährden. Drei Tage später fertigten die Jugoslawen dann Bolivien mit 4:0 ab. Alle Treffer fielen in Hälfte Zwei. Wieder war Beck zweimal erfolgreich. So nutzte es Brasilien wenig, dass Bolivien mit demselben Ergebnis besiegt wurde. Moderato (37. und 73.) und Preguinho (57. und 83.), die linke Angriffsseite der Brasilianer, zeichnete für die Tore verantwortlich. Doch Brasilien war ausgeschieden.



Der große Favorit der Gruppe III war Veranstalter Uruguay. Zuerst traten jedoch die beiden Gruppengegner Rumänien und Peru gegeneinander an. Gerade einmal 300 Menschen sahen den sicheren 3:1-Erfolg der Europäer. 70.000 Urus kamen dann jedoch zum Spiel ihres Teams gegen Peru. Der mühsame 1:0-Sieg wurde durch ein Tor von Halbrechts Castro in der 61. Minute gesichert. Zum entscheidenden Spiel gegen Rumänien kamen gar 80.000 Besucher. Hier zeigte das Team von Uruguay sein wahres Können. Dorado (7.), Scarone (24.), Anselmo (30.) und Cea (35.) zeigten den Rumänen schon in der 1. Halbzeit wie modernster Fußball gespielt wird. Somit stand das 4:0-Endergebnis schon nach einer guten halben Stunde fest und Uruguay war eindeutiger Gruppensieger.



Nach zwei Spielen war die Sachlage der Gruppe IV bereits geklärt. Die Mannschaft der USA hatte Belgien und Paraguay mit jeweils 3:0 geschlagen. Mittelstürmer Patenaude schoss allein vier der sechs USA-Tore. Das nachfolgende 1:0 von Paraguay über Belgien war nur noch für die Statistik und die USA im Halbfinale.



Das Halbfinale

Im ersten Halbfinalspiel trafen Argentinien und die USA aufeinander. Der hohe Favorit tat sich in der 1. Hälfte noch recht schwer. Außenläufer Monti hatte Argentininien zwar mit 1:0 (20.) in Führung gebracht, doch erst nach dem Wechsel wirbelten die Gauchos die US-Amerikaner richtig durcheinander. Fünf Treffer schlugen im Tor von US-Keeper Douglas ein (Scopelli 56., Stábile 69. und 87., sowie Peucelle 80. und 85). Erst eine Minute vor dem Abpfiff gelang den Amerikanern der Ehrentreffer.



Das zweite Semifinalspiel endete mit demselben Ergebnis. Dabei hatten auch die Gastgeber aus Uruguay anfangs noch Probleme mit dem Gegner, denn Seculic hatte für die Jugoslawen in der 4. Minute den 1:0-Vorsprung erzielt. Cea (18.) und Anselmo (20.) brachten die Urus dann allerdings in Front. Nachdem Schiedsrichter Rego aus Brasilien den Ausgleichstreffer zum 2:2 für Jugoslawien verweigerte, schraubte Anselmo (31.) das Ergebnis auf 3:1 für Uruguay hoch. Im zweiten Durchgang sahen die 93.000 Zuschauer eine recht einseitige Begegnung und die Tore von Linksaußen Iriarte (60.) und Cea (67. und 72.), die den Endstand von 6:1 für Uruguay bedeuteten.



Finale

Die Favoriten Uruguay und Argentinien standen – wie erwartet – im Finale. Die Gäste hatten den besseren Start, spielten überlegen, doch die Führung erzielte Uruguay nach einem Konter über Scarone, dessen Vorlage Dorado zum 1:0 einnetzte. Argentinien ließ nicht locker und rettete nach Toren von Peucelle (20.) und Stábile (37.) einen 2:1-Vorsprung in die Halbzeit. Im zweiten Durchgang gewann das Mittelfeldspiel der Gastgeber, vorgetragen durch Andrade, Gestido und Scarone die Oberhand. Der Ausgleich durch Cea (57.) fiel allerdings erst nach einer knappen Stunde. Uruguay drückte weiter und erzwang durch Iriarte (68.) und Castro (90.) die umjubelten Siegtreffer.



Positives Echo

Die erste Weltmeisterschaft hatte zwar mit vielen Problemen zu kämpfen und litt darunter, dass nur vier europäische Teams dabei waren. Dennoch war der wichtige Anfang für eine Event-Institution gemacht, die dem Fußballsport weltweit hohes Ansehen brachte, da das Medienecho auch in Europa eher positiv ausfiel.
Finale
4:2(1:2)
Halbfinale
6:1(3:1)
6:1(1:0)
Teamvergleich
Spiel

Bis zum Tor haben wir nicht schlecht gespielt.

— Erik Gerets zum Spiel Kaiserslautern - Bochum. Das Tor fiel in der 7. Minute