Weltmeisterschaft

Helmut Schöns unschöner Karriereausklang

Mit seiner Dynamik unentbehrlich für die Argentinier: Goalgetter Mario Kempes
Die Weltmeisterschaft in einer frisch eingerichteten Militärdiktatur stattfinden zu lassen, wurde außerhalb der konservativen FIFA-Spitze vehement diskutiert. Doch den Entscheidern des Weltfußballverbandes kam eine WM, deren Sicherheit von den argentinischen Generälen gebetsmühlenartig bekräftigt wurde, ganz recht. Als der Veranstalter dann auch den zuerst schleppend anlaufenden Aus- und Neubau der Stadien Argentiniens in den Griff bekam, konnten die Kritiker zurückgedrängt werden. Den Deutschen reichten die Sicherheitsvorkehrungen übrigens nicht, denn sie nahmen – zum Ärger der Argentinier - ihre eigene GSG-9-Truppe mit, die das Team rund um die Uhr bewachte.

Die Qualifikation
Wieder war England in der Qualifikation gescheitert. Diesmal gerieten sie gegen Italien aufgrund der weniger erzielten Tore ins Hintertreffen. Bulgarien musste nach dreimaliger Teilnahme an WM’s in Folge gegen Frankreich passen, während die UdSSR überraschend gegen Ungarn den Kürzeren zog. In Südamerika hatten Uruguay und Chile die Teilnahme verpasst, dafür waren die Peruaner wieder dabei. In Asien qualifizierte sich erstmals der Iran, während es in Afrika die Tunesier waren, die sich durchsetzten.

Erste Finalrunde
Schachereien im Vorfeld der Endrunden-Gruppenauslosung sorgten dafür, dass die Gruppe 1 zu einer regelrechten ‚Todesgruppe’ mit vier starken Teams avancierte, da die Franzosen mit Tunesien, dem Iran und Österreich ‚in einen Pott’ geworfen wurden. Die Italiener (herausragend: das Mittelfeld mit Benetti, Causio, Tardelli und Antognoni) erwiesen sich dank überraschend offensiver Qualitäten als stärkstes Team. Drei Siege hätten ihnen vorab wohl nur die ganz optimistischen Tifosi zugetraut. Zwei knappe Niederlagen sorgten für das Ausscheiden der starken Franzosen (mit Platini, Tresor, Six u.a.). Argentinien schaffte das Weiterkommen vor allem dank Luques 2:1-Treffer gegen die Franzosen, während die Ungarn zwar nicht enttäuschten, doch in dieser Gruppe nichts zu bestellen hatten.

Als ‚leicht’ wurde die Gruppe 2, in die Deutschland gelost wurde, vorab eingeordnet. Polen, Mexiko und Tunesien schienen ‚auf dem Papier’ wahrlich nicht unüberwindbar zu sein. Das Eröffnungsspiel gegen den vermeintlich stärksten Gegner Polen, dem WM-Dritten von vor vier Jahren, geriet jedoch zu einem miesen 0:0-Kick, wobei beide Teams nur noch Schatten der vor vier Jahren so erfolgreichen Mannschaften waren. Gegen ein völlig verunsichertes Mexiko, das zuvor Tunesien 1:3 unterlag, gelang dann zwar ein 6:0-Kantersieg, doch das glückliche 0:0 gegen die Nordafrikaner im letzten Gruppenspiel warf das deutsche Team wieder zurück. Polen hatte zudem nach dem Eröffnungsspiel seine Hausaufgaben gemacht (1:0 gegen Tunesien und 3:1 gegen Mexiko) und wurde Gruppensieger. Die Deutschen, die auf ‚Legionäre’, wie Beckenbauer (Cosmos New York), Stielike (Real Madrid) und zwischenzeitig Zurückgetretene (Paul Breitner) verzichteten, hatten auch für die Spielmacher der frühen Siebziger, Overath und Netzer, trotz Hansi Müller, Heinz Flohe und Erich Beer keinen vollwertigen Ersatz. Enttäuschend blieb auch der Angriff, wo Rummenigge, Fischer, Dieter Müller und Abramczik kaum Normalform erreichten.

Als Sensation musste man das Abschneiden Österreichs in der Gruppe 3 bezeichnen. Die weitaus höher eingeschätzten Spanier (2:1) und Schweden (1:0) wurden bezwungen, so dass selbst die 0:1-Niederlage gegen Brasilien den Gruppensieg nicht verhindern konnte. Brasilien hatte sich gegen Schweden (1:1) und Spanien (0:0) überraschend schwer getan, weil z.B. Superstar Zico nicht überzeugen konnte. Spanien dagegen nützte auch der 1:0-Erfolg im letzten Spiel gegen die Schweden nichts mehr und musste gemeinsam mit den Skandinaviern die Heimreise antreten.

Peru spielte in der Gruppe 4, dank seines toreschießenden Spielmachers Cubillas, den besten Fußball und viele Beobachter sahen gute Chancen für die Inka-Nachkommen in der 2. Finalrunde. Es sollte jedoch anders kommen. Zweiter wurde Vize-Weltmeister Niederlande, das sich trotz der Niederlage gegen Schottland (2:3) im letzten Gruppenspiel aufgrund des besseren Torverhältnisses durchsetzte. Die Schotten wiederum verspielten eine bessere Platzierung durch ein 1:1 gegen den Iran, der von den Niederlanden (0:3) und Peru (1:4) eindeutig bezwungen wurde.

Zweite Finalrunde
Als Gruppenzweiter kam Deutschland mit Italien, den Niederlanden und Österreich in die Gruppe A der zweiten Finalrunde. Erstere Teams waren ‚auf dem Papier’ die Favoriten. Gegen Italien gab es ein recht unansehnliches 0:0 bei dem sich Flohe verletzte und alsbald abreisen musste, während der Angriff einmal mehr maßlos enttäuschte. Bis zur 83. Minute führte das Deutsche Team gegen die Niederlande mit 2:1. Abramczik (3.) und Dieter Müller (70.) waren für die Deutschen, Arie Haan (26.) für die Niederländer erfolgreich, ehe Rene van der Kerkhof sieben Minuten vor dem Abpfiff der Ausgleich gelang. Zuversichtlich gingen die Deutschen in Cordoba gegen Österreich auf den Platz, obwohl das Team in dem Turnier bis dahin kaum zu überzeugen wusste. Eigentlich lief alles nach Plan, denn Karl-Heinz Rummenigge machte in der 19. Minute das 1:0. Doch schon das Eigentor von Berti Vogts (60.) zeigte ein verunsichertes Team, das auch noch das 1:2 durch Krankl hinnehmen musste. Bernd Hölzenbein glich zwar kurz darauf aus, doch die Österreicher blieben bei ihren Kontern gegen die langsame deutsche Innenverteidigung mit Kaltz und Rüßmann immer gefährlich. Das 3:2 durch Krankl (88.) war das Resultat dieser offenkundigen Schwächen in der Deckung. Deutschland durfte sich aus dem Turnier verabschieden. Derweil hatten sich die Niederländer weiter gesteigert und konnten Italien mit 2:1 bezwingen, was die Finalteilnahme bedeutete, denn im ersten Gruppenspiel hatten sie Österreich bereits mit 5:1 deklassiert.

Im Gegensatz zur ersten Finalrunde war Peru in Gruppe B für viele Beobachter unverständlicherweise nur noch Kanonenfutter. 0:3 gegen Brasilien, 0:1 gegen Polen und gar 0:6 gegen Argentinien verlief die ernüchternde Endrunde für die Kicker aus den Anden. Polen konnte auch weiterhin nicht an die Leistungen von vor vier Jahren anknüpfen und unterlag in den entscheidenden Spielen gegen Argentinien (0:2) und Brasilien (1:3). Die beiden Favoriten der Gruppe trennten sich torlos und das Torverhältnis musste entscheiden. So schlug der schwache Auftritt der Peruaner gegen Argentinien voll durch und die Brasilianer sprachen nicht nur intern über ein ‚gekauftes’ Spiel. Doch es half ihnen nichts. Argentinien stand im Finale und Brasilien musste mit dem Spiel um den dritten Platz vorlieb nehmen.

Das Finale
Gegen Italien setzten sich die enttäuschten Brasilianer im Spiel um den dritten Platz allerdings noch mit 2:1 durch, weil Nelinho (64.) und der überragende Spielmacher Dirceu (71.) bei einem Gegentor von Causio (38.) trafen.

Natürlich waren die orangen Fans der Niederlande denen der Argentinier im Finale in Buenos Aires zahlenmäßig eindeutig unterlegen. Mit sieben Minuten Verspätung wurde das Finale angepfiffen, da Rene van de Kerkhof aufgrund argentinischer Proteste die Manschette seiner angebrochenen Hand mit Mull umbinden musste. Nach einer äußerst hart geführten Anfangsphase kam es zum offenen Schlagabtausch, doch nur zu wenigen echten Torchancen. Die Holländer verschafften sich durch die van de Kerkhoff-Brüder, Johan Neeskens und Arie Haan im Mittelfeld immer wieder Vorteile, doch das 1:0 erzielte Mario Kempes für die Gauchos, als er sich einmal im Strafraum durchsetzen konnte und flach einschoss (38.). Fast hätte Bertoni, der über Rechts für die größte Gefahr sorgte, noch vor der Pause das 2:0 für Argentinien erzielt (43.). Gerechter wäre es dem Spielverlauf nach gewesen, wenn auf der anderen Seite Rep und Rensenbrink ihre Chancen zum Ausgleich genutzt hätten. Nach der Pause stürmten die Niederländer weiter, wobei ihr Trainer Ernst Happel mit den Einwechselungen von Nanninga für Rep und Suurbier für Jansen neue Akzente setzte. Nanninga, wegen seiner Kopfballstärke von Happel gebracht, war es auch, der den verdienten Ausgleich einköpfen konnte. Fast hätte Rensenbrink noch in der regulären Spielzeit das 2:1 geschafft, doch der Pfosten rettete die Südamerikaner. Zu Beginn der Verlängerung wurde das Spiel wieder härter und spielerische Akzente kamen zu kurz. Doch eine Einzelleistung von Valencias Stürmer Mario Kempes, der Willi van de Kerkhof stehen ließ und zum 2:1 traf (105.), drehte das Spiel zugunsten Argentiniens, die noch einmal zuzulegen wussten. Bertonis 3:1, flach über Rechts abgeschlossen, setzte den Schlusspunkt einer harten, aber spannenden Partie, deren Schlusspfiff im unbeschreiblichen Jubel der argentinischen Fans unterging.

Glücklicher Weltmeister und das Ende der Ära Schön
Es gab einige Merkwürdigkeiten bei dieser WM, dessen Sieger Balsam für die Seele des geschundenen argentinischen Volkes bedeutete. Die beiden spielstärksten Teams wurden Zweiter und Dritter. Die viertbeste Mannschaft, Frankreich, wurde schon bei der Auslosung und später auf dem Platz klar benachteiligt, und kam nicht einmal in die zweite Finalrunde. Mit der ‚Schmach von Cordoba’ war auch die Ära Helmut Schöns beendet, wobei viele Beobachter meinten, zwei Jahre zu spät.
Finale
3:1n.V.
Spiel um den 3. Platz
2:1(0:1)

Sex vor einem Spiel? Das können meine Jungs halten, wie sie wollen. Nur in der Halbzeit, da geht nichts.

— Berti Vogts