Weltmeisterschaft

Fußball statt Soccer

Steuerte während der Endrunde fünf Tore zu Brasiliens Titelerfolg bei: Romario
Auch vor der Weltmeisterschaft im Land "der unbegrenzten Möglichkeiten" traten einige Skeptiker auf den Plan, die davor warnten, dass das Weltturnier nur beiläufig von der amerikanischen Öffentlichkeit begleitet werden würde, da ‚Soccer’ zu sehr hinter den US-Sportarten Baseball, American Football, Basketball etc. zurückstehen würde. Doch wider Erwarten gelang den amerikanischen Veranstaltern die Durchführung eines spektakulären Events voller Dramatik, Spielwitz, Spannung und leider auch Tragik. Die Tragödie fand allerdings nicht in den USA, sondern in Kolumbien statt, wo der Eigentorschütze Escobar nach seiner Rückkehr ins Heimatland wegen seines ‚Versagens’ auf dem Parkplatz einer Bar in Medellin, von zwölf Schüssen getroffen, getötet wurde. Mutmaßlich hatte die kolumbianische Drogen-Mafia hierbei ihre Hände im Spiel, die auf einen WM-Sieg ihrer Mannschaft gewettet hatten. Eine hoffentlich einmalige Perversion in der WM-Geschichte.

Die Qualifikation
England und Polen belegten hinter Norwegen und den Niederlanden nur Platz Drei in Gruppe 2 der Europa-Qualifikation und durften nicht in den USA dabei sein. Auch Tschechien (ehemals CSSR), Österreich, Schottland, Portugal und Frankreich schieden wider Erwarten aus. Dafür setzten sich überraschend Norwegen und Griechenland als Gruppensieger durch. In Südamerika blieben Peru und Uruguay auf der Strecke, während Bolivien und Argentinien knapp die Ausscheidung überstanden. In Asien konnte sich erstmals Saudi-Arabien (ohne Niederlage) neben Südkorea durchsetzen.

Die Vorrunde
Völlig offen wurde vorab der Ausgang in der Gruppe A eingeschätzt. Es kam zu interessanten Auseinandersetzungen, wobei Rumänien trotz eines 1:4 gegen die überraschend starke Schweiz abschließend die Nase vorn hatte, da Kolumbien (3:1) und die USA (1:0) bezwungen wurden. Mit ausgeglichenem Punktekonto schafften auch die Schweiz und der Veranstalter USA den Sprung ins Achtelfinale. Favorit Kolumbien nützte der abschließende 2:0-Erfolg gegen die Schweiz nichts mehr. Das Team wurde Tabellenletzter und nach der Rückkehr auf dem Flughafen von Bogota von der Polizei vor den aufgebrachten Fans geschützt. Für Verteidiger Escobar (s.o.) kam einige Tage später jedoch jede Hilfe zu spät.

Kamerun konnte nicht an die Leistungen von der WM 1990 in Italien in der Gruppe B anknüpfen. Gegen Gruppensieger Brasilien (0:3), Schweden als Zweiter (2:2) und Russland (1:6!) blieb nur der vierte Platz. Auch Russland musste passen, da es gegen Brasilien (0:2) und Schweden (1:3) den Kürzeren zog. Die Brasilianer gaben nur gegen die überraschend starken Schweden beim abschließenden 1:1 einen Punkt ab, doch Dunga, Romario, Bebeto & Co. zeigten starke Auftritte und bestätigten ihre Favoritenrolle.

Deutschland hatte in der Gruppe C mit Bolivien (1:0), Spanien (1:1) und Südkorea (3:2) wie so oft das nötige Losglück, doch die Leistungen konnten die Zuschauer wenig befriedigen. Einzig der vierfache Torschütze Klinsmann wusste zu überzeugen, während Mittelfeldregisseur Stefan Effenberg nach seinem berühmten ‚Stinkefinger’, beim Spiel gegen Südkorea präsentiert, in die Heimat geschickt wurde. Fast wäre dabei das Spiel nach einem 3:0-Halbzeit-Vorsprung noch gekippt, denn die Asiaten spielten das deutsche Team in der 2. Halbzeit regelrecht ‚an die Wand’ und nur mit viel Glück rettete die Vogts-Elf die 3:2-Führung über die Zeit. Auch Spanien als Gruppenzweiter erreichte nur ein 2:2 gegen die flinken Asiaten, stabilisierte seine Position aber mit einem 3:1-Erfolg gegen die harmlosen Bolivianer.

Ein Kopf-an-Kopf-Rennen gab es in der Gruppe D zwischen Nigeria, Bulgarien und Argentinien, die in dieser Reihenfolge mit jeweils zwei Siegen und einer Niederlage die Gruppe abschlossen und alle das Achtelfinale erreichten. Griechenland als viertes Team trat als wohl schwächste Mannschaft des Turniers nach der Vorrunde die Heimreise an. Doch die drei führenden Teams lieferten sich untereinander packende Begegnungen, wobei vor allem Nigeria positiv auffiel und nur mit viel Pech eine 1:2-Niederlage gegen Argentinien hinnehmen musste. Stark auch die Bulgaren, die unter der Regie ihrer Asse Stoitchkov, Ivanov und Letchkov die Gauchos verdient 2:0 besiegten. Maradona hatte einen ungebührlichen Abgang, wurde des Dopings überführt und für den Rest des Turniers gesperrt.

Spannung pur war auch in der Gruppe E mit Italien als Favoriten angesagt. Italiens Niederlage im ersten Spiel gegen Irland (0:1) war sogleich ein Paukenschlag. Doch im weiteren Verlauf der Begegnungen neutralisierten sich die Teams, zu denen auch Norwegen und Mexiko gehörten, gegenseitig, indem jede Mannschaft einen Sieg, ein Remis und eine Niederlage erspielten. Punktgleich schlossen die vier Kontrahenten die Gruppe ab, wobei Norwegen aufgrund der zuwenig erzielten Tore den undankbaren vierten Platz belegte und ausschied. Gruppensieger wurde Mexiko vor Irland und Italien, was für die drei Nationen die Achtelfinal-Qualifikation bedeutete.

Wie in der Gruppe D belegten in Gruppe F drei Teams punktgleich die ersten drei Plätze mit jeweils zwei Siegen. Alle Spiele endeten mit Erfolgen von einem Tor Unterschied. Die Niederlande wurden mit identischem Punkt- und Torverhältnis Erster vor Saudi-Arabien, das jedoch im direkten Vergleich gegen die Oranjes 1:2 unterlag. Als drittes Team rutschte Belgien ins Achtelfinale, das seinen Nachbarn Holland 1:0 bezwang. Marokko enttäuschte als Vierter trotz der drei Niederlagen nicht, denn die fielen mit zweimal 1:2 und einmal 0:1 äußerst knapp aus.

Das Achtelfinale
In Chicago traf das Deutsche Team auf Belgien und konnte durch Rudi Völler schon nach fünf Minuten das 1:0 erzielen. Grüns Ausgleich zwei Minuten darauf konterten die Deutschen durch Klinsmann (10.) zum 2:1 wieder aus. Als Völler nach 39. Minuten das 3:1 gelang schien das Spiel entschieden. Ein klares Foul von Helmer an Weber ahndete der Schweizer Schiedsrichter Rüthlisberger nicht und das 2:3 der Belgier fiel erst in der Schlussminute, so dass die wenig überzeugende Vogts-Elf mit Ach und Krach das Viertelfinale erreichte.

Spanien hielt seinen Achtelfinalgegner durchweg gut in Schach. Das nie gefährdete 3:0 gegen die in diesem Spiel enttäuschenden Schweizer schossen Hierro, Luis Enrique und Beguiristain (per Elfmeter) heraus.

Ein großartiger Hagi auf Seiten Rumäniens setzte persönlich mit dem 3:1 den sensationellen Schlusspunkt der Partie gegen Vize-Weltmeister Argentinien, der ohne Maradona gegen die Osteuropäer ohne Chance blieb. Zwei Tore von Dumitrescu und ein Gegentreffer von Batistuta (Foulelfmeter) hatten in den ersten 18. Minuten für die 2:1-Führung der Rumänen gesorgt, die ihren Teamgeist nach der Begegnung auch optisch ausdrückten, indem sich fast das ganze Team die Haare blond färben ließ.

Schweden startete konzentriert in die Begegnung gegen Außenseiter Saudi-Arabien, der in der Vorrunde überraschend starke Leistungen gezeigt hatte. Durch Tore von Dahlin und Kennet Andersson gingen die Skandinavier 2:0 in Führung, doch die Saudis kamen vier Minuten vor dem Abpfiff noch einmal auf 1:2 heran, bevor wiederum Andersson mit dem 3:1 den Schlusspunkt dieser Partie setzte.

Mehr Mühe als erwartet hatte Brasilien gegen den Gastgeber USA. Die Amerikaner hielten lange Zeit ein torloses Unentschieden, ehe Bebeto (73.) das 1:0 für den haushohen Favoriten erzielen konnte. Diesen knappen Vorsprung brachten die Brasilianer dank ihrer besseren Technik über die Zeit.

Dennis Bergkamp (10.) und Wim Jonk (40.) hießen die Torschützen für die Niederlande in der Partie gegen Irland. Die abwehrstarken Iren waren im Angriff zu harmlos, um die holländische Abwehr um Ronald Koeman ernsthaft zu gefährden. Somit siegte der Favorit, ohne vollends überzeugen zu können.

Glücklich behauptete sich Ex-Weltmeister Italien gegen die bis kurz vor dem Schlusspfiff der regulären Spielzeit führenden Nigerianer. Amunike hatte Nigeria in der 26. Minute in Führung gebracht, die bis zur 89. Minute bestand hatte. Dann schlug Roberto Baggio zu. Erst gelang ihm der Ausgleich, dann erzielte Italiens Angriffs-Ass in der Verlängerung per Foulelfmeter auch das 2:1. Nigeria wurde unter Wert geschlagen, konnte allerdings auch beste Möglichkeiten nicht nutzen.

120 Minuten schleppten in einer unansehnlichen Partie Bulgarien und Mexiko ein schon nach 18 Minuten feststehendes 1:1 über die Runden, bis das Elfmeterschießen die Entscheidung zugunsten der Osteuropäer feststellte. Während bei den Bulgaren nur Krassimir Balakov seinen Elfer verschoss, konnten für Mexiko Aspe, Bernal und Rodriguez den Ball nicht im Tor unterbringen, was für Bulgarien erstmals in der WM-Geschichte das Viertelfinale bedeutete.

Das Viertelfinale
Wieder konnten die Italiener ein ganz enges Match für sich entscheiden. Gegen Spanien stand die Partie lange Zeit auf der Kippe. Dino Baggio (26.) und Camino (59.) für Spanien hatten die Tore zum 1:1 erzielt, bis Roberto Baggio die Azzuri in der 88. Minute mit seinem 2:1 erlöste und für den glücklichen Einzug ins Halbfinale sorgte.

Das Angriffsduo Romario und Bebeto hatte Brasilien gegen die Niederlande bereits 2:0 in Führung gebracht. In der technisch wie taktisch hochwertigen Begegnung schlugen die Niederländer aber noch einmal durch Bergkamp und Winter zurück, so dass alle Indizien auf eine Verlängerung der Partie hinwiesen. Doch der schussgewaltige Mittelfeldmotor Branco traf für die überglücklichen Brasilianer zwei Minuten vor dem Ende der regulären Spielzeit zum 3:2 und brachte die Südamerikaner eine Runde weiter.

Eine enttäuschende erste Halbzeit mussten die deutschen Fans gegen Bulgarien über sich ergehen lassen, ehe kurz nach der Pause Klinsmann in einem harmlosen Zweikampf zu Boden ging und einen Elfmeter zugesprochen bekam, den Lothar Matthäus zum 1:0 verwandelte. Doch die Sicherheit der knappen Führung trog. Ein Doppelschlag durch Stoitchkov, der mit einen haltbar aussehenden Freistoß Illgner überraschte und ein Kopfballtor von Letchkov, der vom kleinen Häßler nicht behindert werden konnte, drehte das Match zugunsten der Bulgaren. Auch das wütende, aber unorthodoxe Anrennen der Deutschen in den letzten Spielminuten der Partie brachte nicht mehr den erhofften Ausgleich. Der überalterte Weltmeister musste nach zumeist enttäuschenden Leistungen die Heimreise antreten.

Überaus spannend war auch die Auseinandersetzung zwischen den bis dahin so stark aufspielenden Rumänen und den sich von Spiel zu Spiel steigernden Schweden. Zwei Tore von Sturmführer Raducioiu für Rumänien und die Treffer von Brolin und Kennet Andersson hatten für ein 2:2 in dieser ausgeglichenen Partie gesorgt. Der Spielstand hatte auch in der Verlängerung bestand. Mild und Petrescu waren die einzigen Elfmeterschützen die ihren Strafstoß nicht verwandeln konnten, während auf jeder Seite vier Spieler ins Tor trafen. Als Torjäger Henrik Larsson zum fünften Elfmetertor für die Schweden traf und Belodedici vergab, war das Spiel für Schweden gewonnen.

Das Halbfinale
Zwei Tore von Roberto Baggio reichten den Italienern zum 2:1-Halbfinalsieg gegen den Deutschland-Bezwinger Bulgarien, der nicht an die Leistung des Viertelfinales anschließen konnte. Hristo Stoitchkov gelang zwar noch ein Elfmetertor zum Anschlusstreffer, doch die wohl beste Abwehr des Turniers, die auf den verletzten Baresi verzichten musste, hielt den Vorsprung bis zum Abpfiff.

Brasilien konnte sich ebenfalls gegen die unbequemen Schweden durchsetzen. Lange Zeit mussten die brasilianischen Fans ausharren, bis sich ihr Stürmerstar Romario mit einem Solo gegen die ansonsten dicht gestaffelte schwedische Abwehr durchsetzte und zum 1:0 in der 80. Minute einschoss. Zu spät für die Schweden, die nun keine Lücke mehr in der brasilianischen Deckung um Marcio Santos und Aldair fanden, um noch einen erfolgreichen Gegenschlag anzubringen.

Das Finale
Über 83.000 Zuschauer verfolgten das "kleine Finale" in Boston und sahen einen überlegenen 4:0-Erfolg der Schweden über die Bulgaren, den Brolin, Mild, Larsson und Kennet Andersson gegen die kaum mehr motivierten Osteuropäer schon in der ersten Halbzeit sicherstellten.

Das Endspiel zwischen Brasilien und Italien war von einer kaum mehr zu überbietenden Defensivtaktik der Italiener geprägt, die somit ein Fußballfest verhinderten und scheinbar von vornherein auf ein Elfmeterschießen gegen die technisch überlegenen Brasilianer aus waren. Diese Vorgehensweise enttäuschte die über eine Milliarde Zuschauer an den Fernsehern, doch die Brasilianer hatten im Elfmeterschießen die besseren Nerven. Erfahrene Spieler wie Baresi, Massaro und zu guter letzt auch Roberto Baggio, dessen Elfer weit über das Tor von Taffarel flog, versagten, als es darauf ankam, den Titel zum vierten Mal nach Italien zu holen. Während Marcio Santos den ersten Elfer der Brasilianer verschoss, trafen Romario, Branco und Dunga und sicherten den 3:2-Erfolg für den nun viermaligen Weltmeister vom Zuckerhut.
Finale
3:2n.E.
Spiel um den 3. Platz
4:0(4:0)
Halbfinale
0:1(0:0)
1:2(1:2)
Viertelfinale
6:7n.E.
2:1(0:0)
2:3(0:0)
2:1(1:0)
Achtelfinale
2:4n.E.
1:2n.V.
1:0(0:0)
2:0(2:0)
3:2(2:1)
1:3(0:1)
0:3(0:1)
3:2(3:1)

Für mich spielen Punkte keine Rolle. Ich schaue immer nach oben, weil ich am Ende dort stehen möchte.

— Krassimir Balakov