Frauen-WM - News

Alles ausgeschöpft

von Günther Jakobsen21:53 Uhr | 10.07.2011

Fußballkunst der filigranen Art war es - von Einzelaktionen abgesehen - nicht unbedingt, was Brasilien und die USA 90 Minuten lang anboten. Danach jedoch wurde dramaturgisch alles ausgepackt, was zu einem k.o-Spiel gehört. Im Elfmeterschießen hatten die US-girls das bessere Ende für sich.

Im proppevoll besetzten Dresdener Stadion prallten die hoch eingeschätzten Teams der USA und Brasilien im letzten Viertelfinalspiel aufeinander. Den erhofften Budenzauber brachten die Kickerinnen während der Normal-Spielzeit jedoch nicht auf den Rasen. Lange anhaltender Nervosität, auch bei den früh in Führung liegenden US-Amerikanerinnen, schloss sich ein reines Kampfspiel an, in dem sich keine Seite längeren Ballbesitzes erfreute. Eine völlig verpatzte, als Befreiungsschlag gedachte Aktion von Daiane landete zum Entsetzen der Südamerkanerinnen im eigenen Netz - es lief die zweite Spielminute. Anstatt entschlossen nachzusetzen, hielten sich die von Pia Sundhage betreuten Kickerinnen jedoch vornehm zurück. Brasilien konnte sich langsam ins Spiel zurück arbeiten und kam zu guten Möglichkeiten, noch vor der Pause auszugleichen. Aline ließ eine Kopfballchance aus (22., ans Außennetz), Marta zielte nach einem Sololauf über den Querbalken (23.) und Fabiana traf aus spitzem Winkel nur gegen den Querbalken (38.). Der fußballerisch bessere Start der Amerikanerinnen war schon vergessen, als der Halbzeitpfiff ertönte.

Und offensichtlich spekulierten die US-Spielerinnen damit, den knappen Vorsprung über die Zeit zu schaukeln. Brasilien durfte sich weitgehend unangefochten die Mittelfeldvorherrschaft sichern, was Marta & Co. zunehmend besser zu nutzen verstanden. Der Topstar der Brasilianerinnen sah sich die größte Zeit des Spiels mit Pfiffen aus dem Publikum konfrontiert, was vermutlich ihrem fortgesetzten Reklamieren geschuldet war. Aber Marta versprühte trotzdem immer wieder ihr großes Potenzial, mit Laufstärke, Spielwitz und Torgefahr. Ein Kopfball von Lloyd an den Querbalken des brasilianischen Kastens unterbrach zwischenzeitlich die Dominanz der Brasilianerinnen (63.), die kurz danach zum verdienten Ausgleich kamen. Buehler sah den roten Karton, nachdem sie die Balljongleurin Marta im Sechzehner nur auf brachiale Weise gestoppt hatte (65.). Die anschließende Elfmeterstory hatte es dann in sich. Solo parierte zunächst Christianes Schuss vom Punkt, kassierte dann aber eine gelbe Karte wegen Reklamierens. Grund ihres Unmutes: Der Strafstoß musste wiederholt werden. Es wurde zunächst nicht klar, ob Solo sich zu früh bewegte oder eine Mitspielerin vorschnell in den Strafraum geeilt war. Den zweiten Versuch übernahm Marta - und vollstreckte sicher. In Unterzahl wurden die Amerikanerinnen nun agiler als zuvor; zu einem weiteren Treffer langte es jedoch weder für sie noch für Brasilien.

Spieltechnisch wusste die Partie bis dahin nicht zu überzeugen; beiderseits zerstörten zu viele unnötige Ballverluste den Spielfluss. Aber in der Verlängerung wuchs sich dieses Viertelfinale zu einem K.o.-Match mit dramatischen Einlagen aus. Per brillanter Direktabnahme brachte Marta ihre Farben mit 2:1 in Führung, nachdem Maurine von linksaußen an den Sechzehner geflankt hatte (92.). Und nun wiederholte sich kurioserweise das Geschehen unter umgekehrten Vorzeichen: Brasilien, die führende Mannschaft, ließ dem in Unterzahl agierenden Gegner weitaus mehr Freiraum als zuvor. Zwar rissen die überragende Marta und Christiane mit ihren Fähigkeiten immer wieder Lücken auf. In der 119. Minute verpasste Francielle zudem aus kurzer Distanz den dritten brasilianischen Treffer, nachdem Marta bestens aufgelegt hatte. Doch den US-girls war der höhere läuferische Einsatz kaum anzumerken, sie hielten die Partie offen. Schon war die zweiminütige Nachspielzeit der Verlängerung abgelaufen, da schickte Rapinoe das Leder von links, fast auf Höhe der Mittellinie stehend, hoch in Brasiliens Sechzehner: Andreia, die zuvor ein gutes Spiel machte und bei einem Flachschuss Wambachs großartig pariert hatte (98.), faustete ins Leere, während die hinter ihr hochsteigende Wambach per Kopfball ins Ziel traf: 2:2. Fast wäre das Spiel noch in der Verlängerung entschieden worden, doch Solo wehrte mit der letzten Aktion einen Schuss Martas ab (123.).

Das Elfmeterschießen begann auch mit einem Kuriosum, weil Boxx zunächst an Andreia scheiterte, der Elfer aber wiederholt wurde, da Brasiliens Keeperin zu weit vor der Linie stand. Beim zweiten Versuch traf Boxx. Die nächsten vier Schützinnen trafen sicher, dann trat Daiane an, die das Eigentor auf dem Kerbholz hatte. Und der Tag wurde noch schlechter für die Abwehrspielerin, denn Solo konnte ihren Elfer abwehren. Die weiteren Elfmeter saßen alle - und damit war der Erfolg der Amerikanerinnen vollbracht.

André Schulin



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— Graham Taylor