Am Scheideweg

von Günther Jakobsen12:22 Uhr | 12.01.2014

Kein Auswärtspunkt in der Hinserie. Dieses Resultat schmälerte die Chance auf Weiterbeschäftigung für Hannovers Trainer Mirko Slomka letztlich doch entscheidend. Der jahrelang so erfolgreiche Coach, der aus der "grauen Maus" 96 ein Team für den Europapokal formte, das zeitweise atemberaubenden Konterfußball zelebrierte, war nach der Hälfte dieser Spielzeit wieder dort gelandet, wo der Trainer einst begann: in der Abstiegszone. Der 39jährige Übungsleiter Korkut Tayfun soll der Elf nun in der Rückrunde wieder neues Leben einhauchen.

Bis zum 7. Spieltag lief bei Hannover 96 noch alles nach Plan. Dass man die ersten drei Auswärtspartien in Mönchengladbach (0:3), beim FC Bayern und in Leverkusen (jeweils 0:2) abgeben musste, konnte Als „normal“ abgehakt werden. Immerhin erwiesen sich die Niedersachsen anfangs daheim gewohnt als Bank. Mit Wolfsburg (2:0), Schalke (2:1), Mainz (4:1) und den schon zu dieser Zeit unbequemen Augsburgern (2:1) hatte sich die Slomka-Truppe verlustpunktfrei auf eigenem Terrain bewährt und stand zufrieden auf Rang vier. In der HDI-Arena gegen Hertha BSC tat sich 96 jedoch bereits sehr schwer, erspielte kaum Tormöglichkeiten und litt heftig unter Kreativitätsmangel in der Vorwärtsbewegung. Die Hauptstädter wollten sich auf des Gegners Platz zudem partout nicht auskontern lassen, rührten Beton an und glichen spät durch einen Ronny-Geniestreich aus (Endstand: 1:1). Es folgte ein respektables 0:1 in Dortmund, doch die heftige 1:4-Heimschlappe gegen Hoffenheim an Spieltag zehn markierte ein erstes Grollen in den Vorstandsetagen der Hannoveraner. Als dann auch noch ein 2:3 bei den keineswegs überzeugenden Nachbarn aus Bremen folgte und ein weiterer spielerischer Tiefpunkt mit der Nullnummer im Heimspiel-Derby gegen Braunschweig die Gemüter in der Landeshauptstadt erschütterte, wurden die Einflussmöglichkeiten für Slomka auf das Team schon stärker in Abrede gestellt. Selbst gegen den Namensvetter aus Hamburg fand 96 keine Mittel und unterlag, weil die Gastgeber mit dem bewährten Slomka-Mittel agierten (daheim auskontern), somit für die sechste Auswärtsniederlage der 96er im sechsten Auswärtsspiel sorgten. Auch im Südwesten lief es in den beiden letzten Spielen auf fremden Plätzen nicht besser. In Stuttgart (2:4) und Freiburg (1:2) gab es nur jeweils ein zu kurzes Aufbäumen und verdiente Rückschläge. Nur gegen die ebenfalls schwächelnde Frankfurter Eintracht (2:0) holte Slomka mit seiner Elf einen verdienten Dreier. Es folgte noch das 3:3-Spektakel gegen Nürnberg nach einem 0:3-Rückstand und dem Ausgleich mit viel Dusel, allerdings auch großer Moral. Der dürftige und teils blutleere Hinrundenabschluss in Freiburg ließ Präsident Kind & Co. jedoch nicht mehr ruhen. Nach Manager Schmadtke verabschiedete sich mit Mirko Slomka kurz vor Weihnachten der zweite Macher des 96er-Aufschwungs mehr oder weniger unfreiwillig.

Nationaltorwart Ron-Robert Zieler hatte schon bessere Runden hinter sich, absolvierte jedoch alle Bundesligaspiele und erwies sich weiterhin als zuverlässig, ohne große Ausschläge nach oben und unten (Durchschnittsnote 3,12). Wesentlich unrunder ging es vor ihm in der Viererkette zu. Der sehr durchschnittliche Japaner Sakai (3,81) hatte seinen Platz noch am sichersten, weil Kaptiän Cherundolo fast die ganze Hinrunde ausgefallen war. Die beiden neuen Innenverteidiger Marcelo (4,00) und Sané (3,93; zuletzt als Sechser aufgeboten) erwiesen sich oft als Achillesverse, zeigten individuelle Aussetzer oder schlechtes Timing in Zweikämpfen, mussten jeweils einige Spiele nach Platzverweisen aussetzen. Dadurch kam der bereits etwas aussortierte Christian Schulz (3,50) wieder ins Spiel und brachte mehr Stabilität in die Deckung zurück. Der Dauerverletzte Pander sowie der abgewanderte "Acker" Rausch konnten zudem von Linksverteidiger Pocognoli (3,96) nur unvollkommen ersetzt werden. Die 96-Defensive blieb eine Baustelle.
Im Vierermittelfeld war Leon Andreasen (3,59) zwar in jedem Spiel dabei, doch er knüpfte nur selten an die starken Auftritte vor seinen langen Verletzungspausen an, versank im Mittelmaß. Ebenso erging es Lars Stindl (3,46), der zwar mehr Verantwortung übernahm, doch von dieser Last gleichfalls teilweise erdrückt wurde. Die Neuzugänge Prib (3,77) und Bittencourt (3,75) spielten noch zu schwankend, um als Verstärkungen angesehen zu werden. Am erfolgreichsten war noch der vierfache Torschütze Huszti (3,50), der aber seine Rot-Pause mitnahm und die bekannten Mängel in der Defensive aufwies, oft mit unter ging. Nachwuchsmann Hoffmann (3,79) kam über die Rolle des Ergänzungsspielers (noch) nicht hinaus.
Mame Diouf (3,10) fehlte in fünf Spielen, schoss dennoch fünf Tore und erwies sich als stärkster Feldspieler Hannovers. Neben ihm wechselten sich der meist zu harmlose Sobiech (3,97), der enttäuschende Schlaudraff (4,17) und seltener der verletzungsgeplagte Ya Konan (4,13) mehr oder weniger erfolglos ab. Mit dem 20jährigen Chilenen Castillo setzt Hannover zur Rückrunde auch auf einen Neueinkauf, weil Diouf immer noch umworben (aktuell Cardiff) wird.

Derweil hofft Trainer Korkut weiterhin auf Diouf, muss aber aufgrund der Null-Punkte-Auswärtsrunde auch den Psychologen darstellen, dem Team aus dem Negativ-Trott helfen. Nach den Hinrundenleistungen gehört 96 aktuell aber eher zu den spielschwächsten Mannschaften der Liga. Das Lazarett scheint sich aktuell zwar zu lichten, doch die Auftritte waren zuletzt selten bundesligareif, und der Weg nach ganz unten war für die Niedersachsen seit Jahren selten so kurz. Der neue Coach hat eine sehr schwere Aufgabe, mehr als der Klassenerhalt kann in dieser Saison nicht als Ziel ausgegeben werden.

Ulrich Merk



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