Weltmeisterschaft

Torfabrik Gruppe F?

Vier Mannschaften mit teils frappierenden Abwehrschwächen, auch eher offensiv brillierenden Mittelfeldreihen sowie namhaften Sturmformationen und Einzelkönnern, die man teilweise getrost zur Weltklasse zählen kann, finden wir in den Kadern der WM-Gruppe F. Auf dem Papier deutet sich an: Hier können viele Tore fallen!

Neben Weltfußballer Cristiano Ronaldo ist sein Vorgänger, der Argentinier Lionel Messi, wohl der überragende Offensivakteur der letzten fünf Jahre. Allerdings schwächelte der Schrecken aller Abwehrreihen in der letzten Spielzeit merklich. Neben Verletzungen wirkte der zuvor oft so unwiderstehliche Quirl zeitweise lustlos, überspielt und tauchte in vielen Partien - obwohl auf dem Platz - einfach unter. Sollte Messi während der WM nicht wieder annähernd in die Spur finden, dürfte Argentinien die Favoritenrolle in der Gruppe F schneller verlieren können als erwartet. Der Angriff ist zwar mit Higuain, Lavezzi und Agüero weiterhin gut bestückt, doch gegen einen Messi in guter Form fallen seine Sturmkollegen letztlich rapide ab. Dahinter stehen im Mittelfeld u.a. mit Mascherano (defensiv), Di Maria (als Spielmacher) und Maxi Rodriguez (für die Außenbahn) zwar ebenfalls international bewährte Akteure zur Verfügung, doch bereits deren Ersatzleute sowie die Viererkette zählen weniger zu den Spitzenkräften des internationalen Fußballs. Natürlich startet La Albiceleste als Favorit in die Gruppe F, doch es gab Weltmeisterschaften, da sah die Formation vorab homogener aus und sie enttäuschte die Fans aus dem Lande der Gauchos dennoch. Das Viertelfinale wäre diesmal schon ein Erfolg, mehr wohl nur mit einem herausragenden Messi möglich.

Sollte Argentinien patzen, wäre es gut möglich, dass sich Europas WM-Neuling Bosnien-Herzegowina den ersten Platz greift. Die Bundesligafiliale vom Balkan überzeugte in den letzten Jahren schon in vielen Qualifikationsrunden, doch erst zur WM 2014 gelang die Teilnahme, nachdem zuvor zweimal die Relegation zur Endstation wurde. Auch die Kicker des Dreivölkerstaates haben ihre Stärken in der Offensive. Die beiden Spitzen Ibisevic und Dzeko lieferten in der Bundesliga und/oder in der Premier League bereits genügend Kostproben ihrer Treffsicherheit ab. Während Dzeko mit Manchester City jedoch Meister wurde, war von Ibisevic in der BL-Rückrunde beim VfB Stuttgart wenig Positives zu vermelden. Am Ende musste er sogar Oldie Cacau Platz machen. Im Mittelfeld stehen mit Medunjanin, Salihovic, Pjanic, Lulic und Misimovic erstklassige Fußballer zur Verfügung, die ihre Stürmer bestmöglich zu füttern wissen. Nach hinten arbeitet die Spielmacher-Brigade allerdings oft wesentlich weniger erstklassig. Deshalb kommt auf die Bundesliga-Viererkette Mujdza-Bicakcic-Spahic-Kolasniac schwere Aufgaben zu, die von allen vier Defensiv-Recken Bestform verlangen. Sollte die Deckung allerdings funktionieren oder gar über sich hinauswachsen, könnte die Zmajevi locker über die Vorrunde hinaus kommen.
Beide Teams bekommen es zudem noch mit Afrikameister Nigeria zu tun. Die Super Eagles sind immer für eine Überraschung gut, bei Weltmeisterschaften aber zuletzt eher weniger erfolgreich. Diesmal scheint die verjüngte Mischung aus international bewährten Mitzwanzigern und aufstrebenden Nachwuchsleuten aussichtsreicher zusammengestellt zu sein. Allerdings steht vor dem reaktionsschnellen Schlussmann Enyeama vom OSC Lille eine Viererkette, die nicht immer den vollständigen Überblick behält. Der ehemalige Innenverteidiger des Teams, Trainer Stephen Keshi, wird gute Nerven brauchen, denn Aussetzer sind bei Ambrose & Co. nicht selten an der Tagesordnung. Mit diesem Manko könnte der Traum vom Weiterkommen über die Gruppenphase hinaus schnell zur Makulatur werden, denn vor allem Argentinien und Bosnien-Herzegowina haben die Angreifer, die dann gnadenlos zuzuschlagen verstehen. Im Mittelfeld hat Nigeria allerdings zentral einen tollen Strategen mit John Obi Mikel sowie mit Victor Moses den Mann für den "tödlichen Pass" oder die überraschende Soloaktion mit gutem Torabschluss zur Verfügung. Auch Mba, Obinna u.a. in Europa tätige Akteure sind gut ausgebildet und können am Ball nur noch wenig dazulernen. Nigeria ist diesmal wieder ganz schwer einzuschätzen.

Folglich ist der Iran eher der Außenseiter in der Gruppe F, allerdings auch so selbstbewusst, seinen Fans konkret das Erreichen des Achtelfinales in Aussicht zu stellen. Internationale Erfahrung bietet die Stammelf zwar längst nicht wie die Konkurrenz in dieser WM-Gruppe, doch zumindest die Stammelf kann es an guten Tagen mit vielen Teams aufnehmen, ist eingespielt und ballsicher. Mit Ghoochannejhad (Charlton Athletic) und Dejagah (Fulham, ehmals Wolfsburg) verfügt das Team Melli, das vom ehemaligen Co-Trainer von Alex Ferguson, dem Portugiesen Carlos Gueiroz, zur WM geführt wurde, zudem über zwei herausragende Offensivakteure, die an guten Tagen Spiele entscheiden können. Auch das Mittelfeld mit deren in Kuwait tätigem Kopf Javad Nekounam versteht es, sich international zu behaupten. Hinter der Stammelf aber klafft ein großes Loch vor unerfahrenen, wenn auch talentierten Spielern, für die die WM wahrscheinlich noch eine Nummer zu groß ist. Hält sich die technisch sehr versierte Mannschaft, die mit viel Ballbesitz ihrem Gegner bestimmt den einen oder anderen Zahn ziehen könnte, an die taktische Marschroute ihres erfahrenen Trainers, wäre sogar die beschworene Überraschung drin. Dann aber müsste die Deckung allerdings auch durchweg mit Angreifern wie Messi, Dzeko oder Emenike klarkommen. Eine wohl zu große Aufgabe.

Ulrich Merk