DFB-Team

Brasiliens Fußball-Titanic

von Günther Jakobsen15:07 Uhr | 09.07.2014

Was sich zwischen der 23. und 29. Spielminute im Halbfinale der WM 2014 zwischen den Teams aus Brasilien und Deutschland abspielte, dürfte in der Fußball-Geschichte einen besonderen Platz finden. In dieser Zeitspanne erzielte die DFB-Elf vier Treffer gegen eine völlig indisponierte Selecao und machte aus einer 1:0- eine 5:0-Führung. Niemals zuvor war ein Gastgeberland auf ähnliche Weise kurz vor dem Finale in dieser Größenordnung demontiert worden. Die Löw-Formation setzte mit dem 7:1-Endergebnis zudem nicht nur für die Statistik, sondern auch in der Art und Weise ihrer Dominanz völlig neue Maßstäbe im aktuellen Weltfußball.

Während Joachim Löw aus dem Vollen schöpfen konnte, musste Brasiliens Coach Scolari auf Neymar (verletzt) und Thiago Silva (gesperrt) verzichten. Die ersten Spielminuten gehörten dennoch der munter auf Angriff spielenden Selecao, die auch von einigen unnötigen Fehlpässen ihres Gegners profitierte. Allerdings kam es nur zu einem Torschuss durch Marcello (3.), der jedoch deutlich am rechten Pfosten vorbei in Aus ging. Nach wenigen Minuten aber hatte sich die deutsche Mannschaft stabilisiert, fing die Gastgeber immer früher im Mittelfeld ab und initiierte selbst schnelle Vorstöße. Nach elf Minuten trat Kroos von rechts die erste Ecke vor das Tor, Thomas Müller nahm den Ball ungestört volley an und vollendete aus wenigen Metern zum 1:0 für Deutschland. Dieser Treffer schien die Brasilianer auf dem falschen Fuß erwischt zu haben, denn ab sofort boten sie nur noch Stückwerk, während der Ball immer flüssiger durch die deutschen Reihen lief. Vor allem Khedira, Schweinsteiger und Kroos dominierten das Mittelfeld nach Belieben, während sich vorne Müller beherzt in die Spurts, Dribblings und Zweikämpfe warf, Klose die Lücken schaffte, Özil unauffällig aber effektiv mitkombinierte und sich Lahm über die rechte Seite immer öfter wirksam einschaltete. Dieses Zusammenspiel explodierte ab der 23. Spielminute wie in noch keinem WM-Spiel der Geschichte zuvor. Zuerst gelang Klose im Nachschuss nach einer tollen Ballstafette nahezu der gesamten Offensive sein 16. WM-Tor, mit dem er den Brasilianer Ronaldo für alle Zeiten in der Statistik hinter sich ließ und alleiniger WM-Rekordtorschütze wurde (23.). Keine zwei Minute später nahm Kroos ein Flachpass direkt ab und überraschte Torwart Julio Cesar mit seinem Linksschuss ins linke Toreck (25.). Eine Minute später vollendete der überragende Spielmacher der Deutschen seinen Doppelpack nach Vorarbeit des sich ebenfalls in Bestform befindlichen Khedira (26.), ehe dieser eine selbstlose Vorlage von Özil leichtfüßig zum 5:0 einschob (29.). Die Defensive der Brasilianer hatte sich als ein völlig hilfloses Torso dargestellt, das dem fußballerisch exzellenten Treiben der Deutschen nur zusehen konnte. Das Spiel war somit nach weniger als einer halben Stunde Spielzeit so deutlich entschieden, wie es nie zuvor in der WM-Geschichte seit 1930 passiert war. Weil Kroos & Co. nach diesem Sechs-Minuten-Rausch auf "Normal" runterschalteten, blieb es bis zur Pause bei diesem unglaublichen Ergebnis.

Hummels (Sehnenreizung) wurde geschont und durch Mertesacker ersetzt, während bei Brasilien Ramires und Paulinho eingewechselt wurden. Wie zu Beginn der Partie war die Selecao offensiv sehr aktiv und plötzlich ergaben sich mehrere Einschussmöglichkeiten für Oscar und Paulinho, doch ihre Torschüsse wurden zwischen der 51. und 53. Minute von Schlussmann Neuer glänzend pariert. Dann erlosch das brasilianische Offensivfeuer wieder, Schürrle kam für Klose (58.) und Müller prüfte Julio Cesar mit einem sehenswerten Schlenzer (61.). Als Lahm über rechts jedoch erneut einen Flachpass vor das Gastgebertor schickte, war Schürrle zur Stelle und traf zum 6:0 (69.). Von den Brasilianern kam nun gar nichts mehr. Sie schienen das Ende dieser Partie längst herbeizusehnen. Zuvor kassierten sie aber noch das 0:7 durch Schürrle, der aus spitzem Winkel mit links ins Dreieck des kurzen Torecks einhämmerte (79.). Özil vergab frei gegen Julio Cesar noch den achten Treffer, ehe Oscar in der Nachspielzeit eine kleine Unachtsamkeit von Boateng zum unhaltbaren Ehrentreffer nutzte. Viele brasilianische Fans hatten zu diesem Zeitpunkt das Stadion längst verlassen, andere brachen fassungslos in Tränen aus, wie auch nicht wenige ihrer Spieler nach dem Abpfiff der Partie. Der Gastgeber hatte ein historisches Debakel erlebt, wobei die großartig auftretenden Deutschen alle bereits in den vorherigen Spielen sichtbaren Schwächen der Scolari-Elf erbarmungslos aufgedeckt hatte und damit wohl ein neues Kapitel im Weltfußball aufschlug.

Ulrich Merk



Nach Messi das größte Talent, dass der liebe Gott auf die Welt gebracht hat.

— Weltmeister Christoph Kramer über Kroatiens Luka Modric.