Zwischen Platz sieben und vierzehn bot die TSG 1899 Hoffenheim oft unterhaltsamen Fußball, schoss reichlich Tore, ließ aber auch besonders viele zu. Die Differenz zum Relegationsplatz beträgt deshalb nur vier, zu einem Abstiegsrang aber immer noch sieben Zähler. Dennoch sollte die Abstiegszone kein Thema sein.
In Bremen-Vegesack schoss sich das Gisdol-Team in der 1. Runde des DFB-Pokals beim 9:0 schon einmal ein. Im ersten Punktspiel vergab Hoffenheim gegen Nürnberg allerdings einen verdienten 2:0-Vorsprung. Dieses Dilemma sollte sich durch die Hinrunde ziehen. Beim überragenden 5:1 in Hamburg glänzten im Team vor allem Firminho, Volland sowie Neuzugang Modeste als zweifacher Torschütze. Zehn Treffer in drei Spielen machte die TSG zwar daheim gegen Freiburg voll, doch hinten zeigten sich beim 3:3 überdurchschnittliche Schwächen. Das Auf und Ab setzte sich mit einem heftigen 2:6 in Stuttgart fort, die erste Euphorie war somit wie weggeblasen. Gegen die aufstrebenden Gladbacher (2:1) und Wolfsburger (1:2) stabilisierten sich die Sinsheimer vor allem in der Abwehr, kassierten gegen Schalke (3:3) und Mainz (2:2) jedoch erneut fünf Buden in zwei Spielen. Es folgten das Phantom-Tor gegen Leverkusen (1:2) und ein starkes 4:1 in Hannover. Gegen den FC Bayern agierte 1899 wie viele FCB-Gegner viel zu passiv (1:2), während gegen Hertha (2:3) blödsinnige Abwehrfehler die Heimbilanz weiter verdarben. Die dritte Niederlage in Folge (0:2 in Augsburg) führte dann auf Rang 14, der tiefsten Hinrundenposition. Es wurde somit wieder Zeit für ein spektakuläres Remis, welches gegen Werder (4:4) prompt aus dem Hut gezaubert wurde. Starke Angriffsleistungen wechselten sich also weiter mit eklatanten Individualfehlern in der Deckung ab, und auch gegen die Bremer wurde ein Zweitorevorsprung verspielt. In Frankfurt folgte ein konzentrierter 2:1-Sieg, gegen Dortmund ein leistungsgerechtes 2:2-Remis. Allerdings gab die unstete Gisdol-Truppe abschließend in Braunschweig beim 0:1 ihre traurigste Hinrundenvorstellung ab, hatte sich scheinbar mit den Gedanken bereits in den Winterferien befunden. Platz 12 gab das Potential der Kraichgauer nicht wirklich wieder. Im Pokal blieb die Mannschaft stabiler. Cottbus (3:0 n.V.) und Schalke (3:1) wurden aus dem Weg geräumt. Wolfsburg wird nun im Viertelfinale zum Heimspiel erwartet. Bei einer guten Tagesform und etwas Losglück kann es mit dem Finale in Berlin klappen.
Der Belgier Koen Casteels (Durchschnittsnote: 3,36) hatte sich nach guten Leistungen im letztjährigen Abstiegskampf eigentlich einen Stammplatz im Tor gesichert, zuletzt aber öfter gepatzt. Als Ersatzmann Grahl im Pokal gegen Schalke dann gut gefiel, fand sich Casteels auf der Ersatzbank wieder. Dieser Zweikampf erscheint aber weiterhin offen, denn auch Grahl wirkte nicht in jedem Spiel souverän.
Zusammen mit dem HSV stellt Hoffenheim mit 38 Gegentreffern die aktuellen Schießbuden der Liga dar. Dennoch wechselte Gisdol nur aus Verletzungs- oder Sperregründen in seiner Abwehr aus. Beck (3,65) spielte immer, war aber auch oft weit von seiner Bestform entfernt. Abraham (3,39) bot zumeist Stabilität, was man von Vestergaard (3,83) und Johnson (3,78) nicht behaupten kann. Zuletzt drängte sich Süle (3,44) auf, der zu Beginn der Rückserie wohl gesetzt sein sollte. Eine Baustelle bleibt die Abwehr für Gisdol allemal.
Im defensiven Mittelfeld sind normalerweise Polanski (3,34) und der allerdings öfter ausgefallene Rudy (3,55) gesetzt. Salihovic (3,33) sprang auch schon einmal ein, musste sogar als linker Verteidiger ran, blieb aber vor allem als Schütze der Standards unverzichtbar und traf immerhin sechs Mal. Strobl (3,67) erhielt zwar viele Einsätze, konnte die Erwartungen aber noch nicht erfüllen, bleibt Wackelkandidat. Offensiv zeigten sich Firminho (3,38/8 Tore), der zwischen Welt- und Kreisklasse alles abzurufen versteht sowie Volland (2,84/7 Tore), als beste Hinrunden-Hoffenheimer, als wichtigste Akteure. Ihnen war es zu verdanken, dass die TSG den drittstärksten Sturm der Liga stellt.
Nicht vergessen sollte man aber auch die beiden Angreifer Modeste (3,54/6 Tore) und Schipplock (3,63/3 Tore), die die starke Offensivabteilung der Kraichgauer komplettieren. Auch Kai Herdling (3,72/2 Tore), hinzu gestoßen aus dem Reserveteam, hatte einige beachtenswerte Auftritte zu verzeichnen.
Die Aussichten der TSG für die Rückserie sind nicht die schlechtesten. Natürlich muss Gisdol besonders an seiner Abwehr feilen und auch die Torwartfrage ist nicht hundertprozentig gelöst. Mit seiner Offensivabteilung kann der Übungsleiter jedoch vollauf zufrieden sein. In Abstiegsgefahr sollte das Team deshalb nicht mehr geraten, denn das Potential in der Truppe liegt über dem Ligadurchschnitt. Wenn der Coach den Schlendrian im Defensivverhalten auf ein Minimum reduzieren kann, könnte der Weg in der Tabelle eigentlich nur nach oben gehen. Ein internationaler Platz bleibt – neben einer eventuellen Berlinreise im Mai - somit im Blickfeld.
Ulrich Merk
Unsere Ambition im Meisterjahr war es nur, nicht abzusteigen.
— Erich Maas zur legendären Deutschen Meisterschaft von Eintracht Braunschweig 1967.