DFB-Team

Deutschland - Hungrig auf den Titel

von Günther Jakobsen10:03 Uhr | 08.06.2012

Fußball-Deutschland lechzt nach einem großen Titel. 16 Jahre sind mittlerweile schon vergangen seit dem letzten großen Triumph bei der EM 1996. Selten standen die Chancen so gut wie vor der bevorstehenden Europameisterschaft.

Vor einem halben Jahr träumte noch die ganze Nation vom EM-Titel. Die deutsche Nationalmannschaft hatte eine überzeugende Qualifikation mit zehn Siegen in zehn Spielen hinter sich gebracht. Als erste Mannschaft überhaupt (nach den automatisch qualifizierten Gastgebern) lösten die Löw-Schützlinge das Ticket nach Polen und in die Ukraine. Zudem gab es überzeugende Testspielsiege gegen Brasilien (3:2) und die Niederlande (3:0). Die Auswahl um den brillanten Spielmacher Mesut Özil wurde schon mit der legendären 1972er-Europameister-Mannschaft verglichen.

Doch dann meldete sich in der Vorbereitung auf die EM die Achillesferse - die eigene Abwehr. Die DFB-Defensive sah in den Testspielen gegen Frankreich (1:2) und in der Schweiz (3:5) nicht besonders glücklich aus und war besonders anfällig für gegnerische Konterangriffe. Bundestrainer Joachim Löw ist immer noch auf der Suche nach seiner Idealformation für die Viererkette. Linksverteidiger Philipp Lahm und Innenverteidiger Holger Badstuber sind gesetzt. Neben Badstuber wird in der Innenverteidigung wahrscheinlich Per Mertesacker zum Einsatz kommen. Allerdings war der Legionär des FC Arsenal vor der EM-Vorbereitung monatelang verletzt. Auf der rechten Abwehrseite kämpfen mit Jerome Boateng einer, der nur selten, und mit Lars Bender einer, der überhaupt nicht in seinem Verein auf dieser Position zum Einsatz kam, um den Platz in der Startformation. Diese Probleme würde es nicht geben, wenn die beiden Dortmunder Double-Gewinner Mats Hummels und Marcel Schmelzer auch in der DFB-Elf an ihre Form im Verein anknüpfen würden. Doch die beiden wirken so, als würden sie mit dem Nationaltrikot auch eine Ladung Blei mit sich tragen. Das Kurzpassspiel der deutschen Auswahl kommt vor allem Innenverteidiger Hummels, der für seine gefürchteten langen Bälle bekannt ist, nicht entgegen.
Damit steht zurzeit kein einziger Spieler vom amtierenden Meister in der Startformation der deutschen Nationalmannschaft. Immerhin darf sich mit Marco Reus ein Bald-Dortmunder die größten Hoffnungen machen, neben André Schürrle zu den Jokern des Turniers zu gehören. Die beiden Jungstars überzeugten nach ihren Einwechslungen im Testspiel in der Schweiz bzw. gegen Israel (2:0). In den Mannschaftsteilen vor der Abwehr hat Bundestrainer Löw sowieso eher ein Luxusproblem. Selbst die beiden angeschlagenen Leistungsträger Bastian Schweinsteiger und Miroslav Klose scheinen rechtzeitig für das erste Vorrundenspiel gegen Portugal fit zu werden.
Die Löw-Elf kann und will auch nicht mehr wie bei der Weltmeisterschaft vor zwei Jahren auf Konter setzen. Der WM-Dritte zeigte schon in der Qualifikation, dass er tief stehende Abwehrreihen durchbrechen kann und brillanten Kombinationsfußball á la Barcelona beherrscht. Mit traumwandlerischer Sicherheit ließen die Deutschen den Ball laufen. Und diese Passgenauigkeit müssen sie in der Endrunde erneut präsentieren. Denn sonst drohen gegnerische Konterangriffe, und für die ist die hochstehende deutsche Viererkette anfällig.

Deutschland ist diesmal in der schwersten Vorrundengruppe gelandet. Die Gegner Portugal, Niederlande und Dänemark befinden sich wie die DFB-Elf unter den Top Ten der FIFA-Weltrangliste. Bei den beiden letzten großen Turnieren lief die Vorrunde für den Rekordeuropameister nach demselben Muster. Nach einem souveränen Auftaktsieg (gegen Polen bzw. Australien) gab es eine Niederlage im zweiten Vorrundenspiel (gegen Kroatien bzw. Serbien). Und dann quälte sich die DFB-Elf jeweils mit einem 1:0-Sieg (gegen Österreich bzw. Ghana) in die nächste Runde. Selbst wenn die Deutschen wie bei der EM vor vier Jahren nicht Gruppensieger werden sollten, wäre es nicht so tragisch. Denn der Viertelfinalgegner kommt aus der schwächsten Vorrundengruppe A.
Die Niederlage der Bayern im Champions-League-Finale gegen den FC Chelsea hat die Chancen der Löw-Elf nicht unbedingt erhöht. Denn bisher spiegelte sich die Vorstellung einer deutschen Vereinsmannschaft im Europapokalfinale auch im Ergebnis der Nationalmannschaft beim anschließenden Großereignis wider. 1996 wurde Bayern München UEFA-Pokal-Sieger und die Nationalmannschaft anschließend Europameister. 2002 verlor Bayer Leverkusen das Champions-League-Finale und die Nationalmannschaft anschließend das WM-Finale. 2010 unterlag Bayern München im Champions-League-Finale, weil es zu viel Respekt vor seinem Gegner Inter Mailand hatte, und die Nationalmannschaft schied im WM-Halbfinale mit einer ähnlichen Vorstellung gegen Spanien aus.

Die deutschen Spieler wollen den Titel. Übungsleiter Löw schraubt dagegen die Erwartungen etwas zurück. „Wir werden alles tun, den Titel zu holen. Aber allein daran ein Team zu messen, halte ich für unangemessen“, sagt er. Der DFB-Elf ist auf jeden Fall der Einzug ins Finale zuzutrauen. Selbst wenn es dort eine Niederlage geben sollte, wäre es nicht die letzte Titelchance für den dreifachen Europa- und Weltmeister. Die Mannschaft ist noch sehr jung und wird in dieser Zusammensetzung ein paar Jahre zusammenbleiben. Lediglich Sturmspitze Klose droht ein baldiges Karriereende. Und in zwei Jahren am Zuckerhut sind die Chancen auf den Titelgewinn noch größer.

Mögliche Aufstellung: Neuer - Boateng (L. Bender), Mertesacker, Badstuber, Lahm - Khedira, Schweinsteiger - Müller, Özil, Podolski - Klose; Erste Einwechselspieler: Reus, Schürrle

Senthuran Sivananda



Sicher, er hat den einen oder anderen menschlichen Zug.

— Rainer Schütterle über Oliver Kahn