Die böse Serie

von Günther Jakobsen15:07 Uhr | 29.12.2013

Die Lage beim Club lässt sich zur Halbzeit der Saison kaum mit anderen Spielzeiten vergleichen. Dass das Team einen neuen Ligarekord in Sachen Sieglosigkeit aufstellte und dass ein Trainer selten so erfolglos war wie der aktuelle, war neben den unglaublich miesen Schiedsrichterentscheidungen, die besonders die Nürnberger negativ trafen, schon sehr hart für die Anhänger des FCN. Leider sieht es für den Rest der Saison perspektivisch auch nicht viel besser aus, denn der Abstieg könnte 2014 tatsächlich aufgrund einiger nicht zu unterschätzender Parameter wieder einmal Realität an der Noris werden.

Zwar gingen in der Hinrunde von 17 nur sechs Spiele verloren, doch bei den restlichen elf Partien sprang nur jeweils ein Remis heraus. Die Mannschaft von Trainer Wiesinger startete nicht wirklich schlecht. Nach zweimal einem 2:2 in Hoffenheim und gegen die Hertha unterlag Nürnberg beim FC Bayern mit 0:2. Alles recht normal im FCN-Kosmos. Dann aber unterlag der Club daheim gegen Augsburg mit 0:1 und bot dabei einen Grottenkick. Drei weitere Unentschieden in Braunschweig (1:1), gegen Dortmund (1:1) und in Bremen (3:3) ließen die Alarmglocken auch noch nicht erklingen, doch es wurde schon gemäkelt, dass fünf Punkte nach sieben Spielen, trotz teils prominenter Gegner, eher eine suboptimale Bilanz darstellen würden. Als den Verein dann aber daheim ein brachiales 0:5 gegen die Durchschnittstruppe des HSV erschütterte, waren die Tage des sprachlosen Übungsleiters Wiesinger gezählt. Unter Aushilfscoach Prinzen und dem neu verpflichteten Niederländer Verbeek stabilisierte sich das Team auswärts in Frankfurt und Stuttgart mit zwei 1:1-Punkteteilungen zwar wieder etwas, doch die 0:3-Heimniederlage gegen Mitkonkurrent Freiburg war fast ein noch schlimmerer Nackenschlag als das HSV-Debakel. Bis zur Saisonhalbzeit fuhr man in der Grundig-Arena gegen Wolfsburg, Mainz (je 1:1) sowie Schalke (0:0) zwar keine weitere Niederlage ein - aber auch immer noch keinen Dreier. Die zu erwartenden Niederlagen in Gladbach (1:3) und Leverkusen (0:3) und das überaus unglückliche 3:3 bei den schwächelnden 96ern (nach einer 3:0-Führung!) ließen die Skepsis in Nürnberg jedoch weiter anwachsen.

Mit Torwart Raphael Schäfer kann Nürnberg einen überdurchschnittlichen Keeper vorweisen (Durchschnittsnote 2,91), der nur ganz selten nicht im Bilde war. Die Viererkette davor, zumeist mit Chandler (3,73), Nilsson (3,73), Pogatetz (3,69) und Plattenhardt (3,68) angetreten, zählt qualitativ aktuell aber eher zum unteren Drittel der Liga, muss sich immer wieder individuelle Fehler ankreiden lassen. Außer dem sich über seinem Zenit befindlichen Routinier Pinola bieten sich hier zudem keine absehbar stabilisierenden Alternativen an. Im Mittelfeld konnte sich noch kein echter Stamm durchsetzen. Defensiv zeigte im Mittelfeld Frantz (3,54) zuletzt ansteigende Form, der mit dem soliden Neuzugang Hasebe (3,54) aktuell eine Art "versetzte Doppelsechs" bildet. Offensiv ist der zweite Japaner, Standard-Spezialist Kiyotake (3,59), zwar ebenfalls gesetzt, doch nur zwei Treffer stehen auf dessen Haben-Seite sowie sehr wenige erfreuliche Spiele, weil er praktisch regelmäßig „unsichtbar“ wurde. Linksaußen Hlousek (4,04), Feulner, Stark, Mak, Balitsch, Esswein und Gebhart konnten sich allesamt aufgrund von Verletzungen und schwacher Leistungen nur ganz selten in den Vordergrund spielen. In der Hinserie erwies sich kaum einer dieser Akteure als bundesligareif, so dass die Spitzen Drmic (3,70), Ginczek (3,50) und Pekart (4,67) zumeist „in der Luft hingen“ und insgesamt gerade einmal acht Treffer auf ihr Konto brachten.

Nach Braunschweig (10) und Freiburg (16) schoss der FCN (17) die wenigsten Treffer in den ersten 17. Spieltagen. Dennoch: mit vielen Teams spielte der Club aufgrund seiner Kampfkraft in der Hinserie auf Augenhöhe. Den ersten Sieg dürfte der Club deshalb wohl bald feiern, doch da die Vereinsfinanzen keine großartigen Verstärkungen in Aussicht stellen, die Schwachpunkte im Team also nicht ausgetauscht werden können, ist der Klassenerhalt in dieser Spielzeit nunmehr ein sehr ambitioniertes Ziel. Unter den ersten fünf Gegnern in der Rückrunde befinden sich mit Hertha und Augsburg (jeweils auswärts) sowie dem FC Bayern (daheim) gleich drei ganz hohe Hürden. Wenn gegen Hoffenheim und Braunschweig in den Heimspielen nicht endlich die ersten Saisonsiege eingefahren werden, kann der ein oder andere Konkurrent schon davongeeilt sein, neue Unruhe mit allen negativen Begleiterscheinungen aufkommen. Es kann ein sehr schweres Jahr für den ehemaligen Rekordmeister werden.

Ulrich Merk



Wir haben keine Chance, aber die Chance, die wir haben, müssen wir nutzen, damit wir eine Chance haben.

— Francisco Copado