DFB-Team

Die vielleicht größte Hürde überwunden

von Günther Jakobsen11:15 Uhr | 01.07.2014

Das Leistungsgefüge in der Weltspitze der Fußball-Nationalmannschaften ist 2014 so eng beieinander wie nie zuvor. Und nach dem gestrigen Match zwischen Deutschland und Algerien gehören die besonders schwer zu spielenden Nordafrikaner schlichtweg dazu. Vergleicht man damit den Rumpelfußball zwischen Frankreich und Nigeria, der davor den Fußballfreund schmerzte, so muss der Löw-Truppe vor der kommenden Aufgabe wahrlich nicht Angst und Bange werden.

In der Vorrunde konnte Frankreich in einer besonders schwachen Gruppe noch scheinbar leichtfüßig die Spitzenposition einfahren. Gegen Nigeria im Achtelfinale stieß das dünne Gefüge von Trainer Deschamps bereits an deutliche Grenzen. Zwei hypervorsichtig agierende Teams zerstörten sich gegenseitig ohne großen Aufwand den Spielaufbau, der beidseitig durchsichtig und ohne Überraschungsmomente bzw. Risiko angelegt war. Im klimatechnisch abhängigen Zeitlupentempo zeigten sich bei Les Bleus aber besonders technische und taktische Schwächen, eine hohe Fehlpassquote und überraschend wenig Herzblut. Davon verströmte Nigeria immerhin etwas mehr, war aber in seinen Mitteln limitiert. Bei Frankreich vermisste man im Mittelfeld zudem eine oder zwei ordnende Hände (Cabaye und Pogba waren es jedenfalls nicht, Matuidi fiel nur doch grobes Spiel auf und Valbuenas Können erwies sich als ausnehmend übersichtlich), im Angriff agierte ein Stümper (Giroud) und ein staksiger Gernegroß (Benzema), beide beherrschte Nigerias Deckung während der gesamten Partie sicher. Erst mit Griezmann kamen Schwung und Ideen, die allerdings für seine Nebenleute meist zu anspruchsvoll angelegt waren. Das 1:0 fiel aufgrund eines Torwartfehlers im Herauslaufen nach einer einmal etwas besseren Ecke von Valbuena, das zweite Tor war kurz vor dem Abpfiff genauso unnötig, zudem völlig irrelevant. Frankreich ist nach den bisherigen Eindrücken und besonders nach dem Nigeria-Spiel für das DFB-Team ein geradezu dankbarer Gegner.

Mit den laufstarken Algeriern könnte Deutschland die vielleicht schwierigste Hürde dieses Turniers bereits im Achtelfinale hinter sich gebracht haben. Solange die Nordafrikaner nicht von Krämpfen geschüttelt wurden, was sich erst bei einigen ihrer Akteure in der Verlängerung zeigte, mussten Lahm & Co. um wirklich jeden Ball kämpfen, der ihnen nicht mit fünf Meter Freiraum am Fuß lag. Dadurch ließ sich nur schwer eine eigene Struktur aufbauen, die nicht immer wieder einen Neuanlauf nehmen musste. Zudem hatten die deutschen Kicker immer wieder auf die pfeilschnellen Konterattacken Algeriens zu achten, die von den technisch großartigen Defensivakteuren nicht selten äußerst geschickt initiiert wurden. Dass dabei der ein oder andere Deutsche in der Vorwärtsbewegung überrascht wurde (u.a. Mustafi und Höwedes), war dann weniger überraschend. Doch ein furios mitspielender Torwart Neuer (sein Radius wird von Spiel zu Spiel größer), eine letztlich starke Innenverteidigung mit Mertesacker und Boateng sowie die defensiv sehr aufmerksamen Lahm, Kroos und Schweinsteiger erledigten nach anfänglichen Wacklern im Laufe der Partie einen guten Job. Das ermüdende Handball-um-den-16er-Herumgespiele war dann schon anspruchsvoller gegen die flink und teils sehr hart attackierenden Algerier. Dennoch fand die Löw-Elf im Verlauf der gesamten Partie im öfter die notwendigen Lücken, und addiert man letztlich die Chancen vor dem 1:0 in der 2. Minute der Verlängerung zusammen, muss man festhalten, dass letztlich einzig Torwart M´Bohli zumindest auf der Linie eine Weltklasseleistung bot und frühere Einschläge verhinderte, während seine Vorderleute gegen Schürrle, Müller und Özil zunehmend einen Schritt zu spät kamen. Als sich der an Laufkraft kaum zu übertreffende Müller über links durchsetzte und Schürrle den fast verpassten, leicht abgefälschten Flachpass sensationell mit der Hacke ins Tor bugsiert hatte, war der Bann gebrochen. Algerien schwanden zunehmend die Kräfte, bei den Deutschen schwächelte einzig, und verständlicherweise Schweinsteiger, während sich beim Rest eine Bombenkondition (auch bei Özil!) offenbarte. Oberflächlich gesehen folgte in der Verlängerung ein offener Schlagabtausch, tatsächlich aber hatten nur die Deutschen weiterhin gute Einschussmöglichkeiten, während auf der anderen Seite Libero Neuer alles ausputzte, was ihm von seinen Vorderleuten überlassen wurde - bevor eine Chance für Algerien daraus wurde. Das 2:0 durch Özils Trotzschuss war die späte Erlösung, der es fast nicht mehr bedurft hätte. Ohne sein Tor wäre nämlich auch nicht die letzte Nachlässigkeit beim 1:2 durch Djabou in der Schlussminute passiert, verehrter Herr Lahm. Nach der Regeneration sollte Frankreich der DFB-Elf besser liegen, das mit seiner Leistung vom Nigeria-Spiel gegen Algerien kein Land gesehen hätte.

Ulrich Merk



In der Bundesliga gibt es Vereine, bei denen der Trainer und nicht der Arzt entscheidet, wann ein verletzter Spieler den Gips abgenommen bekommt.

— Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, Mannschaftsarzt und Legende beim FC Bayern München.