Europa vs. Amerika

von Günther Jakobsen23:39 Uhr | 29.05.2014

Genau wie in der Gruppe D ergab sich die Zusammensetzung der Gruppe E aus zwei europäischen Mannschaften sowie jeweils einem Vertreter des Süd- und des Nordamerikanischen Verbandes. Auf den ersten Blick spricht vieles dafür, dass sich in diesem Fall die Europäer durchsetzen.

Das bestplatzierte Weltranglistenteam der Gruppe E sind Ottmar Hitzfelds Schweizer Eidgenossen. "Wir haben eine goldene Generation", preist der Coach seine spielstarke Truppe, die zum großen Teil in der Bundesliga gegen den Ball tritt: Benaglio, Djourou, Rodriquez, Fernandes, Mehmedi, Drmic, Xhaka und Shaqiri sind sicher in Brasilien dabei, Barnetta laboriert noch an einem Muskelfaserriss. Vier weitere Bundesligaakteure könnten bei Bedarf nachrücken. Spieler wie Senderos (FC Valencia) und Inler (SSC Neapel) bereichern die "Nati" um Erfahrungen aus anderen Topligen. Hitzfelds Zuversicht wird gerade eben durch diese große Leistungsdichte genährt: "Wir wollen viele Varianten zur Verfügung haben. Wir haben einen härteren Konkurrenzkampf als vor der WM in Südafrika", will er vor dem Turnierstart noch personelle und taktische Optionen ausloten.

Schlechter als bei der letzten Weltmeisterschaft kann es für "Les Bleus" nicht kommen. Der sportlichen Offenbarung (siegloser Gruppenletzter) schloss sich eine inakzeptable Außendarstellung an, die sogar seitens der französischen Staatsführung heftig gerügt wurde. Laurant Blanc und seit 2012 Didier Deschamps flickten anschließend das Gebilde wieder zusammen; an die Qualität aus der Zidane-Ära kam man aber nicht ansatzweise heran. Für einzelne starke Auftritte sind die Franzosen sicherlich gut. Evra (ManUnited), der in Bestform kaum zu bremsende Ribery (FCB) sowie die gut besetzte Vollstrecker-Abteilung (Benzema, Giroud, Remy, Griezmann) sind ausreichend Indikatoren dafür, dass der Gruppensieg, oder zumindest Platz zwei, recht realistisch erscheinen. Auch der junge Pogba könnte mit seinem Schussvermögen ein wertvoller Schlüsselspieler werden. Was Frankreich jedoch fehlt, um in den erweiterten Favoritenkreis des Turniers aufgenommen zu werden, ist Souveränität und Kompaktheit. Deschamps ließ zudem bei seiner Nominierung mit Nasri (ManCity) einen kreativen Offensivspieler außen vor, dessen Qualität in engen Situationen sehr nützlich sein könnte. Ein Grund dafür dürfte sein, dass Nasri als nicht eben einfach gilt - aber Querschläger im eigenen Lager, wie 2010 in Südafrika, möchte man nicht erneut riskieren.

Der ´Zwölfte Mann´ von Ecuadors Nationalmannschaft heißt Höhenluft. Auf eigenem Terrain verlor die von Reinaldo Rueida gecoacht "La Tricolor" kein einziges ihrer Qualifikationsspiele; lediglich Argentinien konnte sich einer Punkteteilung erfreuen (1:1). Drei Auswärtspunkte in acht Begegnungen, durch jeweilige 1:1-Unentschieden eingefahren, relativieren die stolze Heimbilanz der Südamerikaner jedoch wieder - das sollte zur Beruhigung der europäischen Teams aus Frankreich und der Schweiz beitragen. Dennoch sollte eine südamerikanische Mannschaft, die auf nahezu gleichem Level wie die spielstarken Mannschaften Chiles und Uruguays agiert, nicht unterschätzt werden. Der einzige, aktuell einem größeren europäischen Publikum bekannte Spieler Ecuadors ist der bei Manchester United spielende Antonio Valencia. Im vorläufigen Aufgebot tauchte auch der 19-jährige Stuttgarter Abwehrspieler Carlos Gruezo auf.

Dass Honduras zum dritten Mal eine WM-Qualifikation gelang, ist wohl in hohem Maße Trainer Luis Fernando Suárez zu verdanken, nach dessem Einstieg, im März 2011, die "Catrachos" genannte Nationalmannschaft (benannt nach zwei Brüdern, Florencio und Pedro Xatruch, die als Generäle die Unabhängigkeit Nicaraguas und Honduras´ 1856-57 verteidigten) überraschend das Direkt-Ticket zur WM lösten. Als größter Triumph in dieser Quali ist der 2:1-Auswärtssieg in Mexiko in die Verbandsgeschichte eingegangen. Prominente Spielernamen, die bei hochdotierten Klubs unter Vertrag stehen, findet man in Honduras´ Kader nicht. Die zentrale Figur im Mittelfeld dürfte allerdings unumstritten der für Stoke City spielende Wilson Palacios sein, der einst als Stürmer begann, später dann seinen Platz als Kämpfer und Antreiber im Mittelfeld fand. Gelänge Honduras ein Sieg, wäre dies eine Premiere auf WM-Ebene.

André Schulin



Da haben beide gezogen. Das kann ich einmal so entscheiden und einmal so entscheiden, aber darf es nie so entscheiden.

— Werner Lorant zu einem Elfmeter gegen seine Mannschaft