Frankreich - Der Geheimfavorit

von Günther Jakobsen10:41 Uhr | 30.05.2012

Der ehemalige Welt- und Europameister Frankreich musste sowohl bei der EM 2008 als auch bei der WM 2010 bereits nach der Vorrunde die Heimreise antreten. Diesmal haben die Franzosen jedoch gute Chancen - nicht nur für den Einzug ins Viertelfinale, sondern auch für mehr.

Vor zwei Jahren war die französische Nationalmannschaft an einem Tiefpunkt angelangt. Zwar schied sie nicht zum ersten Mal bei einem großen Turnier in der Vorrunde aus, aber die Art und Weise betrübte die Grande Nation. Dementsprechend groß waren die Hoffnungen, als nach der desaströsen WM der Kapitän der Weltmeister-Mannschaft von 1998, Laurent Blanc, das Traineramt übernahm. Allerdings erwischte der ehemalige Weltklasseverteidiger einen schlechten Start in seine neue Aufgabe. Nicht nur, dass er die ersten beiden Spiele als Nationaltrainer in Norwegen (1:2) und in der EM-Qualifikation gegen Weißrussland (0:1) verlor. Sondern es wurden auch Rassismusvorwürfe gegen ihn erhoben. Blanc hatte in einer internen Verbandssitzung eine Quote in den Nachwuchszentren für Talente mit arabischem oder afrikanischem Migrationshintergrund gefordert - und zwar mit den Worten: „Wer sind derzeit die Großen, Robusten, Kräftigen? Die Schwarzen. Die Spanier haben mir gesagt: Wir haben keine Probleme. Wir haben keine Schwarzen.“ Der Nationaltrainer entschuldigte sich zwar für seine Wortwahl, aber zwischenzeitlich war über einen Rauswurf spekuliert und sein nach der EM auslaufender Vertrag ist immer noch nicht verlängert worden.

Doch die Mannschaft hat sich unter Blanc‘ Regie sportlich stabilisiert. Seit 19 Spielen ist die Equipe Tricolore nunmehr ungeschlagen. In der Qualifikation zur Europameisterschaft mussten die Franzosen nicht wie noch zwei Jahre zuvor in der Relegation nachsitzen, sondern lösten das Ticket nach Polen und in die Ukraine schon im ersten Anlauf. Allerdings lagen sie im entscheidenden letzten Qualifikationsspiel gegen den ärgsten Verfolger Bosnien-Herzegowina bis eine knappe Viertelstunde vor dem Schluss mit 0:1 zurück, bevor sie dank eines Elfmeters den Ausgleich erzielten. Das Unentschieden bedeutete für Les Bleus die direkte Qualifikation zur Europameisterschaft.

Das Prunkstück der aktuellen französischen Nationalmannschaft ist die stabile Defensive um den 25-jährigen Torwart Hugo Lloris (Olympique Lyon), der die Equipe Tricolore diesmal sogar als Kapitän aufs Spielfeld führen darf. Allerdings fallen die beiden etatmäßigen Außenverteidiger Eric Abidal (FC Barcelona) und Bacary Sagna (FC Arsenal) aus. In der Offensive setzt Blanc auf ein schnelles Umschaltspiel. Zwar verfügt der zweifache Europameister über individuelle Ausnahmekönner wie Samir Nasri (Manchester City), Karim Benzema (Real Madrid) oder Franck Ribery (Bayern München). Aber der Bayern-Profi hinkt im Nationaldress seiner Form hinterher, seitdem er bei der WM 2010 einer der Rädelsführer der Meuterei gegen den damaligen Trainer Raymond Domenech war. Zudem trifft die Blanc-Elf zu selten das Tor. In der Qualifikation erzielte sie nur 1,5 Treffer pro Partie. Zum Vergleich: Deutschland und die Niederlande trafen mehr als doppelt so oft ins Netz.

Trotzdem ist der Auswahl Frankreichs nach den Testspielsiegen gegen England (2:1), Brasilien (1:0) und Deutschland (2:1) bei der bevorstehenden Europameisterschaft alles zuzutrauen. Bei der Auslosung hatten die Franzosen Glück. Sie hätten auch in der „Todesgruppe“ mit Deutschland, der Niederlande und Portugal landen können. Stattdessen ist die Blanc-Elf in ihrer Gruppe D (mit England, der Ukraine und Schweden) als derzeit stärkste Mannschaft einzustufen. Der Trainer hält den Ball noch flach und gibt das Erreichen des Viertelfinales als erstes Ziel aus. „Der Sieg 2012 oder 2014 wäre vermessen“, sagt Blanc. 2016 aber findet die Europameisterschaft im eigenen Land statt.

Mögliche Aufstellung: Lloris - Debuchy, Rami, Mexes, Evra - Cabaye, M´Vila - Ben Arfa, Nasri, Ribery - Benzema

Senthuran Sivananda



Zur Schiedsrichterleistung will ich gar nichts sagen, aber das war eine Frechheit, was da gepfiffen wurde!

— Stefan Reuter