Mit seinem Rücktritt aus der Nationalelf überraschte Philipp Lahm zwar aktuell, doch nach kurzem Überlegen muss jeder Sympathisant des Löw-Teams eingestehen: cleverer Zeitpunkt des Kapitäns des Weltmeisters. Vereinskollege Kroos wechselt derweil fest nach Madrid und Vicente del Bosque bleibt trotz des WM-Debakels Trainer der Seleccion.
Schulterklopfen und Respekt schlägt dem nunmehr ehemaligen Kapitän der Weltmeisterelf von Jogi Löw nach der Ankündigung seines Rücktritts aus der deutschen Nationalmannschaft entgegen. Am 18.2.2004 hatte der damals 19-Jährige vom VfB Stuttgart sein Debüt in Split beim 2:1-Erfolg gegen Kroatien und bekam sofort gute Kritiken als Linker Verteidiger. Bis kurz vor der WM 2010 war er auf diesem Posten gesetzt, um dann in Südafrika, wo das DFB-Team Dritter wurde, die Seiten zu wechseln und die rechte defensive Außenbahn zu bearbeiten, auf der er als Mannschaftsführer 2014 nunmehr Weltmeister wurde. Der inzwischen 30-Jährige tritt zwar verhältnismäßig früh ab und hätte zumindest bis zur EM 2016 in Frankreich auch seinen Job in der Löw-Truppe sicher gehabt, doch 113 Länderspiele reichten dem Weltklassespieler. Auf dem Karriere-Höhepunkt abzutreten, gelingt nicht jedem Nationalspieler. Philipp Lahms Entscheidung war durchdacht und passt zu dem soliden Mitmenschen, den er auch immer im Umfeld der DFB-Elf darstellte. Allgemeinplätze belegten seine Stärken und Schwächen in Interviews, Reformen forderte er nur einmal kurz, um sich dann sofort wieder recht kleinlaut vor den Kritikern zurückzuziehen. Dennoch war er eine Bank als Kapitän, solidarisch und nicht durchweg unkritisch. Seine Nachfolger als Verteidiger und Spielführer müssen sich warm anziehen, um auch nur annähernd seine Rolle auszufüllen.
Als Fortschritt seiner Laufbahn bezeichnet Weltmeister Toni Kroos seinen Wechsel vom FC Bayern zu Real Madrid und dürfte damit aktuell nicht sonderlich falsch liegen. Beim FCB war er am Zenit angekommen, wohl auch beim Gehalt. Die Sicherheit, trotz starker WM einen Stammplatz bei Guardiola zu behalten, war und wird nie gegeben sein, obwohl auch bei Real nicht jeder groß angekündigte Star die Erwartungen erfüllte. Mit Kroos hat Coach Ancelotti dennoch einen der aktuell flexibelsten Mittelfeldstrategen in seinen Kader aufgenommen, der sich vor allem mit Modric gut ergänzen könnte und, mit einem Sechsjahresvertrag ausgestattet, mehr als nur gut seine Fußballerzukunft auf bestem Niveau planen kann.
Mit dem Ziel Europameisterschaft 2016 in Frankreich im Fokus will Trainer Vicente del Bosque das schlechte Abschneiden Spaniens bei der WM in Brasilien selbst wieder wettmachen und tritt wider aller Erwartungen nicht zurück. Seine Arbeit der letzten sechs Jahre würden vom Verband geschätzt und er sei motiviert, ließ er wissen. Nach der phantasielosen Vorstellung der Seleccion bei der abgelaufenen WM sind Zweifel allerdings angebracht. Seine ratlosen Blicke während der drei Spiele seiner Mannschaft gehörten zu den markantesten des Turniers. Nach einer absehbar kreativen Zukunft für die spanische Elf sah jener Ausdruck der Leere in dieser Phase nicht aus.
Ich habe immer gesagt: Du kannst über viele Tage ohne Wasser leben, aber du kannst keine einzige Sekunde ohne Hoffnung leben.
— Brendan Rodgers