Nicht nur die Manipulation witternde italienische Justiz (Stichwort: Wettskandal) fiel Claudio Cesare Prandelli in der letzten Phase der EM-Vorbereitung störend in den Arm: auch die bebende Natur lehnte sich gegen die Pläne des Nationalmannschaftstrainers auf, als er die Squadra Azzurra in Parma zum Testspiel gegen Luxemburg bitten wollte.
Das Spiel gegen Luxemburg wurde aufgrund von Erdstößen der Stärke 5.8 in der Region abgesagt. Andere, die Squadra Azzurra betreffende Erschütterungen waren personeller Art: Den eigentlich fest für die EM eingeplanten Abwehrspieler Domenico Criscito musste Prandelli aus dem Kader streichen, da Ermittlungen gegen den bei Zenit St. Petersburg unter Vertrag stehenden Profi eingeleitet wurden. Aus gleichen Gründen fiel Mittelfeldspieler Stefano Mauri (Lazio Rom) aus. Auf den ebenfalls unter Verdacht stehenden Juve-Akteur Leonardo Benucci wollte der Coach nicht verzichten: „Bonucci hat keinerlei Bescheid von der Staatsanwaltschaft erhalten. Deshalb kommt er mit uns zur EM.“ Wenige Tage später wurden Überweisungen von Gianluigi Buffon an ein Wettbüro argwöhnisch begutachtet, jedoch keine Ermittlungen gegen den Keeper eingeleitet, da es sich nicht um Wetteinsätze handelte.
Zum zweiten Mal, nach der WM 2006, geriet also Italiens Fußball während eines Großturniers ins Zentrum eines Manipulationsskandals, was Ministerpräsident Mario Monti dazu bewegte, für den Erstligafußball den drastischen Schritt einer Auszeit in den Raum zu stellen. Ob es nicht besser sei, „Wenn wir dieses Spiel für zwei bis drei Jahre komplett stoppen würden …“, sinnierte der Regierungschef. Die Rückweisung derlei Überlegungen folgte prompt. Verbandsboss Giancarlo Abete (FIGC) bezeichnete Montis Vorschlag als Demütigung des gesamten Fußballs, der zudem Unschuldige treffen und „Tausende Jobs“ kosten würde. Abete musste auch noch eine Aussage Cesare Prandellis entschärfen, der sich unter Umständen („Wenn es unserem Fußball helfen würde …“) eine Turnier-Absage Italiens vorstellen konnte. „Unsere EM-Teilnahme ist in keinster Weise in Gefahr. Prandelli hat das nur so daher gesagt“, versicherte der Verbandsboss.
Wie immer die Situation sich schließlich auch auflöst: Die sportlich erfreuliche Entwicklung der Squadra Azzurra unter Prandelli wird von den begleitenden Missklängen konterkariert.
Dass er sich als Trainer auf Aufbauarbeit versteht, bewies der einstige Mittelfeldakteur Cesare Prandelli schon vor seinem Engagement bei der Nationalmannschaft. Mit den Klubs Hellas Verona (1999) und AC Venedig (2000) schaffte er den Serie-A-Aufstieg. Unter seiner Regie (2005 bis 2010) konnte sich auch die Fiorentina - zuvor mit Lizenzentzug und Punktabzug bestraft - wieder regenerieren. In den Jahren 2006 und 2008 wurde Prandelli als Italiens „Trainer des Jahres“ ausgezeichnet. Und als es galt, Italiens A-Team nach der verheerenden WM-Bilanz 2010 wieder auf Kurs zu bringen, war der gebürtige Lombarde genau der richtige Mann, der im Umbruch befindlichen Squadra Azzurra gleich eine offensivere Ausrichtung mit auf den Weg zu geben. Die EM-Qualifikationsgruppe C durchquerte Italien als ungeschlagener Gruppenprimus (20:2 Tore) und konnte im Jahre 2011 in Freundschaftsspielen gegen Spanien (2:1), Deutschland (1:1) sowie jeweiligen 2:0-Auswärtserfolgen bei den EM-Gastgeberländern Ukraine und Polen belegen, wieder höheren Ansprüchen genügen zu können.
Der Angriff der traditionell defensiv sicher stehenden Squadra Azzurra spiegelt die Gegenpole dieser Mannschaft wider: Der 34-jährige Antonio Di Natale (Udinese) steht als ältester Feldspieler neben den jüngsten des Teams, den 21-jährigen Mario Balotelli (ManCity) und Fabio Borini (AS Rom). Di Natale repräsentiert neben seinen fußballerischen Qualitäten (bester Serie A-Torjäger 2010 und 2011) aber auch mannschaftsdienliches, allürenfreies Verhalten - was in gewissem Maße dem Stürmerkollegen Antonio Cassano (Milan) und in hohem Maße Balotelli nicht nachgesagt werden kann. Dazu fähig, den Gegner mit unberechenbaren Aktionen zu überraschen, sind sie indes alle. Auch Sebastian Giovinco (FC Parma), der bevorzugt hinter der Spitze agiert und auf schnelle Vorstöße lauert. In der Gruppe C wird Italien neben Spanien als aussichtsreichster Kandidat auf das Erreichen des Viertelfinals gehandelt. Sportlich sollten Prandellis Kicker diese Hürde meistern können; die noch ungeklärte Manipulationsaffäre droht im Hintergrund jedoch neue Erschütterungen auszulösen. Die 0:3-Pleite gegen Russland im letzten Testspiel sollte nicht überbewertet werden.
Mögliche Aufstellung: Buffon - Maggio, Barzagli, Chiellini, Balzaretti - Nocerino, Pirlo, De Rossi, Marchisio, Giovinco - Cassano (Balotelli/Di Natale)
André Schulin
Der Toni Kroos hat in diesem Fußball nichts mehr verloren. Das war das Hauptproblem.
— Uli Hoeneß analysiert das deutsche EM-Aus.