Mutmaßlicher Dreikampf mit Opfer

von Günther Jakobsen14:27 Uhr | 22.05.2014

Die Gruppe B der WM 2014 beginnt am Freitag, den 13. Juni mit einer Neuauflage des Finales von 2010: Spanien gegen die Niederlande. Das Spiel ist wie damals völlig offen, beide Teams befinden sich in der Weltspitze und sind Kandidaten für den diesjährigen Titel. Doch mit Chile (mehr) und Australien (viel weniger) sind zwei Kontrahenten in der Gruppe, die den beiden Favoriten in die Suppe spucken wollen.

Der Welt- und Europameister Spanien sei „in die Jahre“ gekommen, wird jedenfalls derzeit gegrummelt. Zwar habe man immer noch großen Respekt vor Xavi, Iniesta & Co., doch die Altstars haben die 30 erreicht oder weit überschritten, die aktuellen Erfolge im Europapokal würden auf den Schultern der ausländischen Stars in der Primera Division bzw. auf nachwachsende Kräfte und Defensivtaktiken (Atletico) beruhen. Tatsächlich ist Torwart Casillas (33 Jahre) immer noch Weltklasse, die mutmaßliche Abwehrreihe mit Carvajal (22), Sergio Ramos (28), Piqué (27), Alba (25) absolut topp und im besten Fußballalter, das Mittelfeld mit Xabi Alonso (32), Busquets (25), und Xavi (34) eingespielt wie bei keinem anderen WM-Teilnehmer und der Angriff mit Pedro (26), Diego Costa (25) sowie dem Matchwinner des 2010-Endspieles, Andrés Iniesta (30), nicht nur „auf dem Papier“, kaum zu überbieten. Dennoch: das ernüchternde 0:3 im CONFED-Finale vor einem Jahr in und gegen Brasilien hatte die Überflieger der letzten Jahre nachdenklich gemacht. Trainer-Dino Vicente del Bosque (63) variierte bereits am einst bewährten Ballbesitz-System herum und verlangt mehr Risiko von der Offensive. Ob dies gegen die starke Konkurrenz in der Gruppe greifen wird, ist eine der spannenden Fragen im Vorfeld der WM.

Sein Kollege Louis van Gaal, der nur noch diese WM als Bondscoach der Niederlande zur Verfügung steht, dann zu Manchester United wechselt, hat sein Team auf hohem Niveau stabilisiert. Während einer tadellosen Qualifikation formte der Ex-Bayern-Trainer vor allem in der Defensive mit überwiegend neuem Personal eine variabel das Spiel absichernde, kreativ aufbauende Grundstruktur, die mit schnellen Stößen in die gegnerische Deckung über die schnelle und ballsichere Achse Sneijder-Lens-Robben-van Persie jede Deckung aushebeln kann. Spanien muss bereits am Start gegen diese Holländer bis an seine Leistungsgrenze gehen, um nicht gleich einen derben Rückschlag zu erleiden. Dass die Niederlande allerdings auch maßlos enttäuschen können, vor allem wenn teamintern die „Chemie“ nicht stimmt, kann bei den Oranje-Diven immer wieder als Dilemma auftauchen, allerdings hat sich der Kern der Truppe wohl inzwischen untereinander die Hörner abgerieben, sodass 2014 die starken Leistungen der unter van Gaal recht drastisch verjüngten Elftal eher für Schlagzeilen sorgen dürften, als irgendein Gezicke, das nach einer etwaigen Niederlage gegen Spanien aufflammen könnte. Danach folgt jedoch „zur mentalen und sportlichen Regeneration“ Aufbau-Gegner Australien.

An den „Socceroos“ darf sich zuerst jedoch Geheimtipp Chile abarbeiten. Unter seinem argentinischen Trainer Sampaoli (54) hat sich „La Roja“ zu einem der unbequemsten und stärksten Teams Südamerikas entwickelt. In der Qualifikation gab es anfangs zwar derbe Niederlagen in Argentinien (1:4) und Uruguay (0:4), doch im Verlauf der Ausscheidungsspiele festigte sich die Mannschaft um den wohl aktuell stärksten „Sechser“ der Welt, Arturo Vidal (26, Juventus Turin, früher Leverkusen), und landete am Ende, nur vier Punkte hinter Favorit Argentinien und zwei Zähler hinter Kolumbien, auf einem vorab nicht erwarteten dritten Rang. Dabei erwiesen sich neben Vidal Abwehrchef Gary Medel (26, Cardiff City) sowie die Sturmzange Alexis Sanchez (25, FC Barcelona) und Eduardo Vargas (24, FC Valencia) als herausragende Akteure in einem überaus flexiblen, taktischen System. Im Frühjahr beim superglücklichen 1:0 im Freundschaftsspiel durfte das DFB-Team die Stärken dieses Gegners kennen lernen, der auch Spanien und den Niederlanden einiges an Kopfzerbrechen bereiten könnte.

Natürlich wird sich Australien in der starken Gruppe B nicht automatisch in die Opferrolle fügen, doch alles andere als null Punkte auf dem Habenkonto nach der Vorrunde wäre für das Team von Coach Ange Postecoglou (48) bereits ein Erfolg. Die reichlich überalterte Truppe des gebürtigen Griechen, der in einem Fünfjahresplan viel Zeit hat, den Umbau in Richtung Verjüngung zu bewerkstelligen, hatte bereits unter Vorgänger Holger Osiek (65) keine runde Qualifikation absolviert und nur knapp den Sprung nach Brasilien geschafft. Als der deutsche Coach in Freundschaftsspielen im Herbst 2013 zweimal 0:6 gegen Brasilien und Frankreich unterlag, folgte der Trainerwechsel. Natürlich war es in diesem kurzen Zeitraum unmöglich, die Socceroos in eine Spitzentruppe zu verwandeln, doch die letzten Ergebnisse fielen humaner aus, so wirkte die Abwehr nicht mehr nur wie ein Torso. Zudem ließ Postecoglou auch noch Kapitän Lucas Neill (36, FC Watford) zuhause und übergab die Binde an den soliden Mittelfeldverbinder Mile Jedinak (29, Crystal Palace), doch eine interne Personalrevolution war diese Maßnahme mitnichten. Der erfahrene Tim Cahill (34, New York RB) ist immer noch der offensive Kopf der Mannschaft, dahinter steht mit Leckie (23, FSV Frankfurt), Rogic (21, Melbourne Victory) und Oar (22, FC Utrecht) im vorderen Mittelfeld zwar „junges Blut“, doch auch wenig internationale Erfahrung zur Verfügung. Ob sich die anfällige Defensive zudem ausgerechnet bei diesem Turnier mit dieser deftigen Konkurrenz behaupten wird, sei ebenfalls dahingestellt. Keine guten Aussichten für die Kicker vom fünften Kontinent.

Ulrich Merk



Ciriaco Sforza ist am Ende, aber am Anfang war er heute auch nicht.

— Marcel Reif