Losglück sieht anders aus: Mit Deutschland, Portugal und Ghana wurden dem US-Team in Gruppe G schwere Brocken vor die Nase gesetzt. Das Ziel, Weltmeister zu werden, hat Coach Jürgen Klinsmann aber nicht deshalb als unrealistisch bezeichnet: "Wir sind noch nicht auf diesem Level", meint der frühere Bundestrainer. Unabhängig vom Abschneiden erwartet er von seiner Mannschaft Engagement und Leidenschaft. "Es wird bei dieser WM darauf ankommen, wer seine Vorstellungen unter schwierigen Bedingungen auch umsetzen kann."
Der US-amerikanische Verband kann sehr zufrieden auf seine erste WM-Teilnahme zurückblicken. 1930, als das Turnier seine Premiere feierte, erreichten die US-Boys das Halbfinale. Die beiden folgenden Teilnahmen (1934 und 1950) verliefen dann weniger erfolgreich - man war aber immerhin noch dabei. Das sollte sich jedoch ändern: Neun Mal scheiterten die Amerikaner in den folgenden Jahrzehnten bereits in der Qualifikation; meist bildete der südliche Nachbar Mexiko eine unüberwindbare sportliche Hürde. Zum Turnier 1990, als der kontinentale Erzrivale wegen Regelverstößen gesperrt wurde, sicherten sich die Amerikaner einen Startplatz und sind seitdem regelmäßig vertreten. Die Erfolge bei den Turnieren sind indes überschaubar - was aber, trotz gestiegener Popularität, daran liegt, dass andere Mannschaftssportarten in den Vereinigten Staaten immer noch einen höheren Stellenwert einnehmen und dementsprechend auf größere Ressourcen zurückgreifen. Zumindest im Männer-Fußball.
Im Vergleich mit anderen, klassischen Fußballnationen nimmt die US-Auswahl daher keine herausragende Stellung ein oder ´läuft Gefahr´, den Geheimfavoriten zugerechnet zu werden. Das heißt allerdings nicht, dass die US-Boys nicht zu Überraschungen fähig wären. Ihre jüngeren Confed-Cup-Resultate (1999: Platz 3/ 2009: Platz 2) verdienen Beachtung und besonders gegenüber der DFB-Auswahl bewiesen sie mehrfach, wie unbequem es sich gegen ein aufopferungsbereites Team spielen lässt. Der kürzliche 4:3-Sieg (Juni 2013) der Klinsmann-Schützlinge über Joachim Löws Team mag kein Maßstand gewesen sein, da die Deutschen quasi mit einer B-Elf antraten. Die DFB-Elf sollte schon eher den letzten WM-Vergleich warnend im Hinterkopf behalten, als man 2002 unverdient einen 1:0-Sieg im Viertelfinale landete. Coach Jürgen Klinsmann ist absolut der geeignete Mann, um den Team-Spirit der Amerikaner zu entfesseln und als großes Plus in die Waagschale zu werfen. Nominell scheint man wenig Chancen auf das Achtelfinale zu haben: Deutschland und Portugal sind klare Favoriten der Gruppe G und gespickt mit Akteuren, die bei den besten Klubs der Welt unter Vertrag stehen. Zudem haben die USA schlechte Erfahrungen mit dem dritten Gruppengegner, Ghana, gemacht, gegen den man bei beiden letzten WM´s schmerzhafte Niederlagen kassierte. "Es hätte grundsätzlich eine schönere Auslosung für uns geben können ...", äußert sich Klinsmann zu der harten Konkurrenz.
Grundsätzlich schöner hätte es sicher auch aus der Sicht Landon Donovans laufen können. Der US-Rekordtorschütze (57 Treffer) wurde aussortiert: "Bei meiner Gesamtbeurteilung sehe ich einige Leute etwas vor ihm", erklärte Klinsmann und nominierte stattdessen etwa den 19-jährigen Offensivspieler Julian Green (FC Bayern II), der noch nicht einmal Bundesligaerfahrung hat. Mit Brooks (Hertha), Chandler (Nürnberg) und Johnson (Hoffenheim) wurden drei Abwehrakteure berufen, die zwar die letzte Bundesligasaison absolvierten, international aber noch recht unerfahren sind. Zum tragenden Gerüst des US-Teams zählen jedoch zwei Ex-Bundesligaspieler: Jermaine Jones (aktuell: Besiktas) und Michael Bradley (aktuell: Toronto FC). Im Tor kann man auf Tim Howard vertrauen (Everton FC) und Offensivmann Clint Dempsey (Seattle Sounders) vermochte in seinen besten Tagen selbst in der englischen Premier League zu überzeugen. Für gute Laune sorgte zuletzt auch, dass der lange Zeit unter einer Torflaute leidende Mittelstürmer Jozy Altidore mit zwei Treffern den abschließenden Testspielsieg (gegen Nigeria) sicherstellte. "Wir können es nicht erwarten, dass das Turnier losgeht", strahlte Klinsmann.
André Schulin
Das ist wohl die neue Generation, jeder will einen größeren Schwanz haben als der Andere.
— Leverkusens Torhüter Lukas Hradecky über Rudelbildung auf dem Spielfeld nach der Partie gegen die AS Monaco (2:3).