Niederlande - Deutscher als die Deutschen

von Günther Jakobsen12:42 Uhr | 06.06.2012

Die Niederlande ist nach der Vizeweltmeisterschaft 2010 einer der Favoriten auf den Gewinn der Europameisterschaft. In der Offensive gibt es ein Überangebot an guten Spielern, so dass Bundesliga-Torschützenkönig Klaas Jan Huntelaar erst einmal nur auf der Bank Platz nehmen muss.

„Wir spielen eher wie die Deutschen - und die Deutschen wie wir“, meint der niederländische Nationalmannschaftskapitän Mark van Bommel, und damit ist er nicht der einzige in Holland. Die Elftal erreichte mit pragmatischem, ergebnisorientierten Fußball das Finale der Weltmeisterschaft vor zwei Jahren. Vor allen für ihre übertriebene Härte im Endspiel gegen Spanien (0:1 n.V.) wurden die Niederländer gescholten.

Bondscoach Bert van Marwijk hat sich die Kritik an den Leistungen bei der WM zu Herzen genommen, und seine Mannschaft zeigte in der Qualifikation zur EM teilweise begeisternden Fußball. Nach 35 Toren und neun Siegen in den ersten neun Qualifikationspartien gab es lediglich im letzten und unbedeutenden Spiel eine 2:3-Niederlage in Schweden. Aber Deutschland, Portugal und Dänemark sind ein anderes Kaliber als Ungarn oder San Marino. Und gegen starke Kontrahenten kann die aktuelle niederländische Nationalmannschaft noch nicht mit „Totaalvoetbal“ bestehen, wie die 0:3-Testspielniederlage in Deutschland Mitte November bewies. In solchen Partien geht es für die Oranje-Auswahl vor allem darum, den Ball zu kontrollieren und ihn von der eigenen wackligen Defensive fernzuhalten.

Denn die Abwehr ist der Schwachpunkt des Vizeweltmeisters. Linksverteidiger Giovanni van Bronckhorst beendete nach der WM 2010 seine Karriere. Für seine Position war bei der EM Erik Pieters vorgesehen. Doch weil der PSV-Eindhoven-Profi verletzt ausfällt, wird vermutlich sein erst vor ein paar Monaten volljährig gewordener Teamkollege Jetro Willems den vakanten Platz in der Startelf übernehmen. In der Innenverteidigung hinken Johnny Heitinga (FC Everton) und Joris Mathijsen (FC Malaga) derzeit ihrer Form hinterher. Der ehemalige Hamburger Mathijsen fiel zudem mit einer Oberschenkelverletzung für die letzten beiden Vorbereitungsspiele aus. Um die Abwehr zu stabilisieren, setzt van Marwijk im defensiven Mittelfeld mit seinem Schwiegersohn van Bommel und Nigel de Jong (Manchester City) auf zwei klassische Abräumer. Dabei war de Jong zwischenzeitlich sogar aus der Elftal suspendiert, nachdem er im Ligaspiel gegen Newcastle United seinen Gegenspieler Hatem Ben Arfa brutal verletzt hatte. „Die meisten haben ihre Schwierigkeiten in der Verteidigung. Selbst mein Kollege Joachim Löw in Deutschland, wenn ich das richtig verfolge“, sagte van Marwijk süffisant zum deutschen Fachblatt „kicker“.

Und die wacklige Abwehr ist nicht die einzige Gemeinsamkeit mit der DFB-Elf. Wie die Deutschen können auch die Niederländer in der Offensive aus dem Vollen schöpfen. Da droht selbst Spielern wie Dirk Kuyt (FC Liverpool) und Rafael van der Vaart (Tottenham Hotspur) oder Shootingstar Luuk de Jong (Twente Enschede) nur ein Platz auf der Bank. Wie Bundestrainer Löw hat auch Bondscoach van Marwijk im Angriff die Wahl zwischen einem in der Bundesliga treffsicheren Strafraumstürmer (Gomez respektive Huntelaar) und einem mannschaftsdienlichen sowie flexiblen Angreifer (Klose respektive van Persie). Und wie Löw wird auch van Marwijk nicht auf den Strafraumstürmer setzen. Dabei war Klaas Jan Huntelaar (FC Schalke 04) mit zwölf Treffern der Torschützenkönig der EM-Qualifikation.

24 Jahre nach dem Triumph im Münchner Olympiastadion dürfen sich die Niederländer berechtigte Hoffnungen machen, im Kiewer Olympiastadion den EM-Pokal ebenfalls in Empfang nehmen zu dürfen. Jedoch stellt schon die Vorrunde die erste schwere Hürde auf dem Weg zu einem möglichen Titelgewinn dar.

Mögliche Aufstellung: Stekelenburg - van der Wiel, Heitinga, Mathijsen, Willems - van Bommel, de Jong - Robben, Sneijder, Afellay - van Persie

Senthuran Sivananda



Das größte Problem beim Fußball sind die Spieler. Wenn wir die abschaffen könnten, wäre alles gut.

— Helmut Schulte