Spannende Unwägbarkeiten

von Günther Jakobsen16:48 Uhr | 27.05.2014

Wird Uruguay wie 2010 erneut positiv überraschen? Wird Italien seiner Favoritenrolle gerecht? Stapelt England grundlos tief? Wen wird der unbequeme Außenseiter Costa Rica ärgern? Die Gruppe D steckt voller Tücken und Fragen, aber sie wird zweifelsohne spannend.

Natürlich hat aufgrund aller wichtigen Indikatoren Italien die Favoritenrolle in der Gruppe D inne. Trainer Cesare Prandelli hat seit 2010 einiges in der Squadra Azzurra, aber auch im Verhältnis zur Presse und den Fans umgemodelt und sich Respekt verschafft. Dadurch konnte er ruhiger arbeiten und sein Team auf gutem Niveau stabilisieren, die Quali zudem besonders frühzeitig eintüten. Die Defensive mit den herausragenden Chiellini und Barzagli vor Torwart-Ikone Buffon ist gut aufgestellt. Das zentrale Mittelfeld wartet neben dem effektiven Kämpfern de Rossi und Motta mit Taktgeber Pirlo auf, dem auch seine 35 Jahre kaum etwas anhaben konnten. Der Angriff, in dem Balotelli immer noch Spiele entscheiden kann, wird durch Immobile ergänzt, auf den nicht zu Unrecht u.a. Dortmund mehr als nur ein Auge geworfen hat. Auf den Außenpositionen fehlt allerdings eine adäquate Besetzung. Dennoch: Italien geht mit dieser Substanz als Favorit in diese Gruppe.

Im heimischen Fußball läuft einiges richtig unrund. Der Verband steht am Rande einer Implosion, die oberste Spielklasse wurde heftig von Fans attackiert und die Nachwuchsarbeit lahmt. Dennoch dürfte Uruguay wieder mit einem schlagkräftigen Team auftreten, das vor allem mit Luis Suarez und Edinson Cavani sowie dahinter Diego Forlan offensiv exzellent besetzt ist. Je weiter man in der Elf allerdings nach hinten schaut, werden Probleme greifbar, die nicht von einer starken Defensive verursacht werden. Zwar sind Maxi Pereira, Kapitän Lugano, Godin von Atletico Madrid und Caceres gestandene Abwehrrecken, doch unterschiedliche Schwächen werden allen zugesprochen. Ob die Gruppengegner jedoch auf einige in diesen WM-Tagen antreffen, wenn sich die Deckung der Südamerikaner vielleicht zu leichtsinnig verhält oder viel zuviel foult, sei dahingestellt. Aussetzer sind jedenfalls immer wieder möglich. Doch die Urus sind eine Turniermannschaft, die auch gerne über sich hinauswächst.

Ähnlich schwierig lässt sich das Team von England derzeit einschätzen. Einerseits finden wir mit Cole, Gerrard und Lampard immer noch Protagonisten aus einer Loser-Generation an wichtigen Schaltstellen der Mannschaft, doch die drei zumeist immer noch spielstarken Routiniers werden von teils hoffnungsvollen jungen Leuten unterstützt, deren Durchbruch sehr gut bei dieser WM geschehen kann. Auch hat sich Torwart Hart stabilisiert und gilt aktuell eher als Rückhalt, denn als Problem. Selbst von Wayne Rooney und seinen jungen Sturmkollegen Welbeck und Sturridge kann man immer etwas Positives erwarten. Wenn sich dann auch noch Cahill und Jagielka in der Innenverteidigung sogar gegen schnelle Angreifer bewähren, könnte England diesmal vielleicht einmal wieder für eine Überraschung gut sein.

Wie sich das Team von Costa Rica in dieser Gruppe schlagen wird, ist noch weniger vorhersehbar. Die Mannen des Taktikfuchses Jorge Luis Pinto sind vor allem defensiv gut ausgebildet und eingespielt. Aus einer Betondeckung heraus wird dann ein Konterfußball aufgezogen, der über Bryan Ruiz in der vorderen Verbindung in Richtung der Stürmer Saborio oder Campbell läuft, die immer für einen Treffer gut sind. Die drei Gruppengegner sind individuell natürlich wesentlich stärker besetzt, doch die flinken Konterfußballer der Los Ticos wären immer für einen zählbaren Streich zu haben. Und wenn die Jungs erst einmal in Führung gegangen sind, kann es für jeden der Favoriten richtig schwer werden, den kampfstarken Riegel der Mittelamerikaner zu knacken.

Ulrich Merk



Die Zitrone hat im Sommer genug Zeit gehabt, um zu reifen. Jetzt ist wieder Presszeit.

— Christoph Daum, Trainer des VfB Stuttgart, startet in die neue Saison 1992/93...