Ob sich Ghana mit den USA laut aller mutmaßlich weitsichtigen Vorahnungen nur um die Plätze drei und vier in der Gruppe G schlagen wird, wäre der allerorten herausposaunte Normalfall. Doch die Afrikaner wurden auch 2006 und 2010 nicht sonderlich hoch gehandelt, kamen aber jeweils mit starken Leistungen über die Gruppenphase hinaus. Diesmal stehen die Chancen nicht schlechter.
Gegen Italien (0:2) spielte Ghana 2006 bei der WM in Deutschland im Gruppenspiel bereits auf Augenhöhe und verlor unglücklich (Kuffour-Fehler vorm 0:2). Beim 2:0 gegen Tschechien boten die Afrikaner mit ihrem Gegner schon eines der qualitativ besten Spiele des gesamten Turniers. Die USA wurde zwar nur 2:1 im dritten Spiel bezwungen, dafür allerdings hoch verdient. Weniger glücklich verlief das Viertelfinale gegen ein ökonomisch-effektiv agierendes Brasilien (0:3). Zwei blöde Gegentreffer kurz vor der Pause, viele vergebene Großchancen der Black Stars davor und danach sowie ein dritter Gegentreffer, als die Kraft bereits nachgelassen hatte, sorgten für das Turnierende. 2010 gewann Ghana erneut 2:1 gegen die USA. Diesmal im Achtelfinale und nach Verlängerung - aber erneut völlig verdient. Das Aus folgte ebenfalls gegen Südamerikaner (Uruguay), zudem erst im Elfmeterschießen des Viertelfinales. So dicht war noch nie ein afrikanisches Team vor einem WM-Halbfinale.
Allein diese Auftritte, keineswegs im Vorfeld von irgendeinem "Experten" getippt, sollten auch in diesem Jahr den Respekt der Gruppengegner hervorrufen, auch wenn man bislang davon nichts hört. Erneut wird der 38. Des FIFA-Rankings also unterschätzt. Kevin-Prince Boateng (27 Jahre, Schalke) hatte zwar schon bessere Saisons hinter sich, befindet sich aber im besten Fußballalter, darf offensiver ran und ist ein absolut mitreißender Leader. Auch Taktgeber Michael Essien (31, AC Mailand) hatte bereits bessere Spielzeiten hinter sich, kann aufgrund seiner langen Erfahrung in europäischen Top-Ligen aber als Sechser der entscheidende Baustein vor der Abwehr in einem ausgeglichenen Team sein, das bei den letzten beiden Turnieren auf den Punkt über sich hinaus wuchs. Die USA werden gegen die technisch perfekten Konterspezialisten somit erneut einen schweren Stand mit ihrer ungehobelten Dynamik haben, die Ghana austanzen dürfte. Auch Portugal wird große Probleme bekommen, schließlich oft auch maßlos überschätzt. Ein Cristiano Ronaldo könnte am Ende den Unterschied machen - vor allem wenn er nicht in Bestform spielt oder abgemeldet wird. Die Deutschen fanden bislang gegen afrikanische Teams dagegen immer den guten Geradeaus-Weg, deckten deren Abwehrschwächen gnadenlos auf und standen hinten zu stabil für die Tempo-Dribbler aus Westafrika. Da Ghana im Tor erneut keinen international relevanten Akteur aufbieten kann, auch nicht Stammtorwart Kwarasey (26, Strömsgodset IF), liegt hier ein weiteres Problem, was aber auch nicht überbewertete werden sollte.
Somit ist Ghana also keineswegs der Außenseiter in der Gruppe G. Im Gegenteil. Das Team hat die Veranlagung, erneut für eine Überraschung zu sorgen. Vor allem die USA und Portugal könnten gegen die flexible Truppe des 53-jährigen Trainers James Kwesi Appiah, der vor der WM sympathisch tief, aber auch nicht zu tief stapelte ("Wir versprechen, uns nicht zu blamieren."), böse aufwachen. Vor dem dritten Spiel - gegen die Löw-Truppe - wäre abschließend für die Afrikaner also bereits alles fürs Weiterkommen geklärt, auch zum Vorteil des DFB-Teams.
Ulrich Merk
Während der Woche hatte jeder von uns mindestens zwei Promille.
— FCK-Zaubermaus Ratinho bei SPORT1 in einer Doku zur Deutschen Meisterschaft 1998.