Die Schnapper

von Günther Jakobsen14:13 Uhr | 15.11.2002

BVB-Keeper Jens Lehmann muss nicht zweimal in Folge gegen ein Münchner Team spielen. Die Gelb-Rote Karte aus dem Bayernspiel verschafft dem Dortmunder Stammtorhüter eine Denkpause. Dafür darf gegen die Sechziger sein vermeintlicher Nachfolger, der ambitionierte, zuletzt bei den Amateuren in der Regionalliga eingesetzte Roman Weidenfeller ran. Auf der Gegenseite im Spitzenspiel gegen 1860 München steht mit Simon Jentzsch ein Keeper im Tor, der bereits seit zwei Jahren Stammkraft bei seinem Klub ist, aber insbesondere in letzter Zeit für Furore sorgt.

Ehrgeiziger Weidenfeller
Torhüter sind die natürlichen Einzelkämpfer des Mannschaftssports Fußball. Deshalb „hauen“ sie auch schon Mal einen raus - und damit ist nicht immer nur der Ball gemeint. „Die Mannschaft hat mich heute schön in Stich gelassen“, ließ BVB-Keeper-1b, Roman Weidenfeller, seinem Ärger nach der 0:3-DFB-Pokalpleite gegen Freiburg im kicker-Interview freien Lauf. Ausgerechnet in der Pflichtspiel-Partie, in der Weidenfeller erstmals das Tor des Deutschen Meisters hütete, wirkten die bis dahin stets engagiert aufgetretenen Borussen einmal nicht bis in die Haarspitzen motiviert. „Das ist eine Charakterfrage. Ich habe alles gegeben“, trat Weidenfeller gegen seine Mitspieler nach.

Dumm gelaufen
Nun steht seine erste Saison in Dortmund bisher nicht unter einem Glücksstern. Noch vor dem Pokalspiel mit den Profis wurde Weidenfeller bei den BVB-Amateuren in der Regionalliga Nord eingesetzt - und zeigte dort ansprechende Leistungen. Doch weil ein BVB-Offizieller vor dem Punktspiel gegen Babelsberg unterlassen hatte, ihn auf die Liste der Spielberechtigten zu setzen, droht den BVB-Amateuren die Aberkennung der Punkte. Das Spiel hatten die Dortmunder mit 4:0 gewonnen. Unglücklich gelaufen ist für Weidenfeller auch das Spitzenspiel des BVB bei den Münchner Bayern. Als Lehmann in der 67. Minute mit Gelb-Rot vom Platz musste, hätte eigentlich die Stunde des 22-Jährigen schlagen können. Dummerweise hatten die Borussen zu diesem Zeitpunkt ihr Auswechselkontingent bereits ausgeschöpft, und so durfte statt des ehrgeizigen Nachwuchskeepers BVB-Stürmer Jan Koller im Gehäuse der Sammer-Elf eine Kostprobe seines Torhüter-Könnens abliefern.

Lehmann vor der Nase
Der tschechische Angreifer wird vermutlich den Karriereplänen Weidenfellers auf Dauer nicht im Wege stehen. Wohl aber der derzeitige Stammkeeper Jens Lehmann, der seine Laufbahn erst im Jahr 2006 ausklingen lassen will. In Dortmund steht Lehmann bis 2004 unter Vertrag und ist derzeit unumstritten die Nummer eins zwischen den Pfosten. „Angst vor großen Namen habe ich nicht, auch nicht vor dem Namen Lehmann. Ich habe den Willen zu spielen und ich werde mich nie mit der Rolle eines Reservisten innerlich abfinden“, pocht Roman Weidenfeller auf eine Bewährungschance noch vor Lehmanns Abschied.

Glanztaten gegen Eindhoven
Das Ersatzmann-Dasein ist dem gelernten Bürokaufmann Roman Weidenfeller noch bestens aus Kaiserslautern vertraut (2000 bis 2002, sechs Bundesligaeinsätze). Dort verbaute der als Stammkeeper gesetzte Georg Koch den Weg. Als Koch im März 2001 jedoch vor der UEFA-Cup-Begegnung gegen den PSV Eindhoven wegen einer Verletzung kurzfristig ausfiel, durfte Weidenfeller die Bude der Pfälzer hüten und hielt teuflisch gut. Seinen Glanzparaden, er machte mehrfach „hundertprozentige“ Torchancen zunichte, verdankten die Pfälzer den Sieg (1:0). „Ich bin frustriert. Wenn man so viele Chancen herausarbeitet und dann immer wieder am Torwart scheitert, dann ist das sehr bitter“, erkannte der damalige PSV-Coach Erik Gerets den Grund für die Niederlage seines Teams. Nicht zuletzt aufgrund dieses Spiels wird Weidenfeller zu den größten deutschen Torwarthoffnungen gezählt. Eine rasche Beförderung zur Stammkraft beim BVB darf aufgrund der glänzenden Leistungen Lehmanns allerdings nicht erwartet werden.

Jentzsch hing lange in der Warteschleife
Zwischen 1994 bis 1998 stand Simon Jentzsch bei den damaligen Bundesligisten KFC Uerdingen und Karlsruher SC unter Vertrag - und brachte es auf ganze sechs Einsätze. Als der KSC dann in die Zweite Liga abstieg, wurde Jentzsch zur Nummer eins im Kasten der Badener und verdiente sich regelmäßig Bestnoten. Den Absturz des KSC in die Drittklassigkeit, in der Saison 1999/2000, konnte aber auch er nicht abwehren. Da Angebote aus der Bundesliga vorlagen, brauchte Jentzsch den Gang in die Regionalliga nicht mitzumachen und unterschrieb bei 1860 München, wo er schnell zur Nummer eins avancierte.

Der Elfmeterkiller
Von seinem Trainer Peter Pacult wird der Ein-Meter-Sechsundneunzig-Hühne mit dem Welttorhüter aus München verglichen. „Mit Ausnahme von Oliver Kahn braucht sich Simon in der Bundesliga vor keinem zu verstecken“. Sein ehemaliger Übungsleiter aus Karlsruher Zeiten Winfried Schäfer meint: „Simon hat mit Sicherheit genauso viel Talent wie Oliver Kahn“. Auf jeden Fall kann Jentzsch schon Mal eine Bilanz aufweisen, die kein Zweiter, auch Kahn nicht, vor ihm erreicht hat. Acht Elfmeter in Folge gegen ihn konnten nicht verwandelt werden (fünf gehalten, drei neben das Gehäuse)! Im DFB-Pokal gegen Wolfsburg traf Jentzsch sogar selbst. Beim fällig gewordenen Elfmeterschießen bedeutete sein Treffer zum 10:9 die Entscheidung zugunsten der Münchner. Auch ohne diese Penalty-Stärke bleibt festzuhalten, dass der Löwen-Keeper in der aktuellen Saison zur absoluten Ballfänger-Spitze der Bundesliga zu zählen ist.

Konzentration aufs Wesentliche
Ganz offensichtlich übt Jentzsch seine Profession mit der gebotenen Ernsthaftigkeit aus. „Etwas besonders lustiges habe ich noch nicht erlebt“, erklärt er auf seiner Homepage zur Frage nach dem „witzigsten Erlebnis auf dem Platz“. Als in dieser Befragung „zum Abschluß ein spontaner Witz“ gefordert wird, outet sich Jentzsch endgültig als Show-untauglich. Statt einer Antwort füllt ein simpler Strich den Raum, wo eigentlich ein Gassenhauer eingeplant war. Das bedeutet, Jentzsch kann sich, wie viele andere auch, Witze nicht merken - oder er überlegt noch. Vermutlich gilt ersteres, denn blitzschnell reagieren kann er ja.

André Schulin



Wenn man keinen Plan hat, muss man Glück haben. Aber ich hatte den Plan, das Glück zu erzwingen.

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