Ein wenig halfen die äußeren Umstände nach: Weil Milan hoch dotierte Spieler verkaufen musste, setzte man zwangsläufig auf jugendliche Nachrücker. Vor allem El Shaarawys Karriere nahm dadurch eine rasante Entwicklung.
Warum das vermutlich größte Talent des italienischen Fußballs gelegentlich als „kleiner Pharao“ tituliert wird, liegt auf der Hand: Stephan El Shaarawys Vater ist Ägypter; die Mutter Italienerin. Auf der Pyramide des Erfolges nahm der 20-Jährige, dessen Rückennummer 92 auf sein Geburtsjahr 1992 hinweist, in der aktuellen Saison mehrere Stufen auf einmal. Nach 18 Spieltagen führt er mit 14 Treffern die Torjägerliste der Serie A an; eine enorme Steigerung gegenüber der letzten Spielzeit, in der El Shaarawy beim AC Mailand erklärtermaßen noch nicht erste Wahl war (22 Serie-A-Teilzeiteinsätze/2 Treffer). Nun stellt der Außenbahnspieler eine feste Größe im Team Massimiliano Allegris dar. „Die finanzielle Krise hat mir geholfen. Mit den Abgängen von Ibrahimovic und Cassano habe ich mehr Platz bekommen“, nennt El Shaarawy den Grund, weshalb er überhaupt dauerhaft in die Startelf rückte.
Milans wirtschaftliche Lage zwang den Klub dazu, sich von einigen Großverdienern zu verabschieden (Ibrahimovic, Cassano, T. Silva). Den Substanzverlust konnte der Verein nicht komplett kompensieren, aber El Shaarawy nutzte die Chance weitaus eindrucksvoller, als man erwarten durfte. Und dies nicht nur aufgrund seiner Treffer: Erstaunlich abgeklärt, technisch versiert und mit gutem Auge für die Spielsituation avancierte der 20-Jährige zum Leistungsträger. Gefährlich wird es immer dann, wenn er mit der Innenseite des rechten Fußes zum Abschluss kommt; auch aus der Distanz. Bei Interviews tritt El Shaarawy, dessen Irokesenschnitt ähnliche Frisur eine Extravaganz andeutet, bescheiden auf. An Selbstbewusstsein mangelt es ihm indes nicht: Der von Klubchef Berlusconi nahegelegten Empfehlung, sich eine andere Frisur zuzulegen, erteilte der Youngster eine Absage. Eine Zusage hingegen erhofft er sich, wenn es darum geht, auch in Zukunft das Trikot seines Lieblingsklubs tragen zu können: „Wenn ein großes Angebot für mich gemacht wird, dann hoffe ich, dass Milan die Stärke besäße, mich zu halten.“
Stürmer Giampaolo Pazzini, zu Saisonbeginn neu zum AC Mailand gestoßen und recht erfolgreich eingeschlagen (sieben Treffer), ist von den Fähigkeiten seines jungen Teamkollegen überzeugt: „Er wird bestimmt ein großer Spieler.“ Und der frühere Nationaltrainer Marcello Lippi wagt schon einen Vergleich mit einer Legende des italienischen Fußballs: „El Shaarawy erinnert mich an Alessandro Del Piero. Beide kommen gerne über links, ziehen nach innen und suchen mit angeschnittenen Schüssen den Torerfolg. Er hat noch nicht Del Pieros Qualität, aber er entwickelt sich und könnte sogar noch dynamischer im Angriff werden.“
Bevor er zu 2011 zu Milan kam, spielte El Shaarawy eine Saison auf Leihbasis beim Zweitligisten Calcio Padova. Seinerzeit stand er noch beim FC Genua unter Vertrag, für den er drei Serie-A-Spiele bestritt (2008-2010). International war das Offensivtalent schon früh auf dem Radar des italienischen Verbandes und kam zu zahlreichen Einsätzen in Jugendmannschaften (U 16 bis U 21). Drei Mal wurde er der „kleine Pharao“ bislang ins A-Team berufen.
André Schulin, Januar 2013
Mir sin noch net im Finale, mir müsset erst Fußball spiele!
— Christian Streich, Trainer des SC Freiburg, vor dem Pokal-Halbfinale beim Hamburger SV (3:1) in der ARD.