Vorteil Brasilien?

von Günther Jakobsen18:00 Uhr | 24.06.2002

Obwohl der Vorrundensieg der Brasilianer gegen die Türkei durch einen fragwürdigen Foulelfmeter kurz vor dem Abpfiff zustande kam, wurde der Erfolg von den Beobachtern insgesamt als verdient eingeordnet. Bei der Neuauflage der Partie im Halbfinale am Mittwoch dürfte es ähnlich eng zugehen. Stärken und Schwächen der Kontrahenten haben wir vor dieser Auseinandersetzung gegenübergestellt.

Die Torhüter
Beide Teams konnten sich im bisherigen Turnierverlauf auf ihre Schlussmänner verlassen. Marcos, Keeper der Brasilianer, bewies sein Können vor allem im Achtelfinale gegen die Belgier, wo er mit seinen Paraden Wilmots & Co. zur Verzweiflung trieb und als Matchwinner gefeiert wurde. Schwächen in der Strafraumbeherrschung wirkten sich in den bisherigen Spielen nicht entscheidend aus.
Torwart-Kollege Rüstü Recber, ebenfalls unumstrittene Nummer Eins in seinem Team, hatte seinen besten Auftritt im Viertelfinale gegen Japan, wo er die wenigen Möglichkeiten der Gastgeber souverän meisterte. Auch im Herauslaufen eine Bank.
Vorteil: Türkei

Die Abwehrreihen
Die Anfälligkeit der brasilianischen Abwehr, die im Turnier bislang vier Gegentreffer zuließ, resultierte aus individuellen Nachlässigkeiten von Lucio, Edmilson und Roque Junior. Neben dem Belgien-Spiel „schwamm“ die Formation besonders gegen Costa Rica und hätte weitaus mehr Treffer als die erhaltenen zwei Gegentore kassieren können. Gegen England indes, wo beim britischen Powerplay in der zweiten Hälfte Cafu und Roberto Carlos den Deckungs-Riegel komplettierten, gab es dagegen kaum ein Durchkommen.
Nur drei Gegentore ließ die türkische Deckung im Turnierverlauf zu, davon einen Elfmeter von Rivaldo. Fatih, Alpay, Bülent und Ergün bildeten besonders gegen Japan und Senegal eine schier unüberwindliche Hürde. Kopfball- und Zweikampfstärke, sowie das gute Stellungsspiel der international erfahrenen Defensivstrategen, bildeten in diesen Partien eine besonders gut eingespielte Einheit.
Vorteil: Türkei

Das Mittelfeld
Mit den schnellen, technisch perfekten und schussstarken Außen Cafu und Roberto Carlos sind die Brasilianer bestens bestückt und unberechenbar. Die zentralen Akteure Gilberto Silva (defensiv), Juninho (variabel) und Ronaldinho (offensiv; gegen die Türkei gesperrt) zählte bisher zu den stärksten Formationen des Turniers. Eine überragende Technik, die hohe Laufbereitschaft und die überraschenden Offensivaktionen sorgten nahezu durchweg (Ausnahme: zweite Hälfte gegen England) für eine Feldüberlegenheit.
Ümit Davalla und Emre Belözoglu steigerten sich auf den Flügeln von Spiel zu Spiel und wurden zu wichtigen Stationen in der türkischen Vorwärtsbewegung. Tugay glänzte als kompromissloser „Staubsauger“ und der Leverkusener Bastürk gefiel als fantasievoller Dribbler und Ballverteiler hinter den Spitzen, versagte aber bei seinen Vorstößen in die Spitze.
Vorteil: Brasilien

Die Angreifer
Der wiedergenesene und -erstarkte Ronaldo und Supertechniker Rivaldo, führen gemeinsam mit Miroslav Klose und je fünf Treffern die Torschützenliste des WM-Turniers an, haben sich in eine absolute Topform gesteigert. Beide können allein ein Spiel für ihr Team entscheiden – zusammen der unbestritten beste Angriff der bisherigen Weltmeisterschaft. Mit Kleberson, Edilson, Luizao und Superdribbler Denilson stehen zudem weitere Spitzenkräfte in der Reserve.

Während Hasan Sas als eine der Sturm-Entdeckungen des Turniers gilt, in der Vorrunde überragend spielte und erst gegen Japan und Senegal etwas nachließ, enttäuschte der große Star der Türken, Hakan Sükür, in nahezu allen Begegnungen. Der bewährte Torjäger, hauptverantwortlich für die gelungene WM-Qualifikation der Türken, erzielte noch keinen Treffer und agierte gegen den Senegal besonders unglücklich. Mit dem Golden-Goal-Schützen Ilhan Mansiz steht jedoch ein unberechenbarer Angreifer bereit, der als vollwertige Alternative gilt.
Vorteil: Brasilien

Fazit
Brasiliens Nachteil, auf Ronaldinho verzichten zu müssen, dürfte kompensiert werden, indem Rivaldo ins vordere Mittelfeld zurückgezogen wird und Edilson in die Sturmspitze rückt. Entscheidend für den Ausgang der Halbfinal-Partie dürfte jedoch die Leistung der anfälligen brasilianischen Abwehr sein. Sollten sich Lucio & Co. keine durchschlagenden, individuellen Fehler leisten und der Angriff mit Edilson, Ronaldo und Rivaldo seine Form bestätigen, dürfte es für die Türken sehr schwer werden, das Finale zu erreichen.



Dass ein Trainer wie Otto Rehhagel davon träumt, einmal in Schalke zu trainieren, ehrt uns natürlich sehr. (...) Mit seiner Verehrung für Schalke steht er jedoch nicht allein.

— Günter Eichberg, Präsident des FC Schalke 04, über Otto Rehhagel.